Druckschrift 
Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Neujahrskalanda

Das Absingen des Neujahrsliedes im Zuge eines Sammelumzugs von Haus zu Hausist nur Teil eines ganzen Bündels von apotropäischen, eueterischen und mantischenAktionen rund um den Neujahrstag, der den Höhepunkt der kritischen Phase der Zwölf-ten bildet. Direkt mit dem Umgang verbunden ist oft das Beschenken unter Verwandtenund die mantische Aktion des rodapixó, die in den verschiedensten Formen ausgeführtwird( auch am Tages-, Wochen- und Monatsbeginn), aber immer darauf abzielt, ob der,der die Familie als erster besucht bzw. die Hausschwelle überschreitet, ein Kalotychosoder ein Kakotychos ist. Das hat zur Folge, daß bei gruppenhaften Kalandaumgängender Glückspilz der Gruppe vorangeht, als erster oder überhaupt als einziger das Haus be-tritt und dort Glückwünsche spricht bzw. eueterische oder euergetische Handlungen voll-führt, während die anderen das Neujahrslied singen.

Der unmittelbar religiöse Anlaß ist der Feiertag des hl. Basilios am 1. Januar( dieWestkirche feiert ihn am 14. Juni). Der" An Basins ist einer der bedeutendsten Kir-chenväter und hat in Kaisareia in Kappadokien gelebt. Seine Schriftkundigkeit und seineHerkunft sind so ziemlich die einzigen Elemente, die im Lied noch auf den Kirchenvaterhinweisen, denn die Ausführenden der Kalanda haben ihn zu einem der Ihren" ge-macht: Im Lied tritt er als Schüler oder als Bauer auf. Die einfachste Form der Schüler-variante ist folgende( Passow, 1860: 220, CCXCVI):

-

Der hl. Vasilis kommt aus Kaisareia/ hält Weihrauch und Kerze, Papier und Tin-tenfaß. Das Tintenfaß schrieb und es sprach das Papier:/- Vasili, woherkommst du und wohin gehst du?/- Von meiner Mutter komm ich und zur Schulegeh ich./. Setz dich, iẞ, setz dich, trink, setz dich und sing./ Zu lesen habe ichgelernt, weiß keine Lieder./- So, du kannst lesen? Sag uns das Alphabet. 10/ Undauf den Stock stützt er sich, das Alphabet zu sagen/ und der Stock war dürr undschlug aus.

-

-

Der Dialog ist in fast allen Varianten derselbe. Die Einleitungsformel lautet häufiganders. In der folgenden Variante vertieft sich das Motiv des dürren Stockes, der plötz-lich ausschlägt, zum blühenden Paradiesbaum, von dem unmittelbar auf das Loblied desHausherrn übergeleitet wird( Chasiotis, 1866: 194 f):

Monatsanfang und Jahresanfang und Anfang Gutes Jahr und Anfang wo Chri-stus kam und ging auf Erden, der erste der ihn grüßte, war der Hl. Vasilis:/...Es folgt der üblich Dialog. Das Stockmotiv ist ausgeweitet:

und auf seinen Stock stützt' er sich, das Alphabet zu sagen/ und der Stock wargrün, trieb grüne Sprossen/ und auf den Zweigen zwitscherten Vöglein/ und untenan seinen Wurzeln sprangen Quellen/ und die Vögel flogen herab und netzten ihreFlügel und netzten ihren Herrn, der lange leben möge.

Hier folgt das Enkomion des Hausherrn. Bezeichnend sind die Alliterationen undWortwiederholungen in der Einleitungsformel( ähnlich wie bei den Weihnachtskalanda).Eine dem ursprünglicheren Sinn näher stehende Dialogform scheint folgendes Lied zuenthalten, obwohl es auch hier letztlich um einen Schüler geht( nach Petropulos,1959: 5 f):

Monatsanfang und Jahresanfang, Anfang des Januar/ am Anfang stieg Christusherab, die Welt zu bereisen./ Der Hl. Vasilis kommt aus Kaisareia,/ zieht zwölf

10 Nach K. Romaios, 1959: 33 ff. handelt es sich nicht um das ABC, sondern umekklesiastische Alphabetarien der byzantinischen Zeit wie etwa die foxwpeheis apáẞyto( denGeist nährende Alphabetarien), die Christi Geburt zum Inhalt hatten.

5 Puchner

65