ähnliche Bauwerke mit entsprechendem Dekor während des 16. Jahrhunderts häufi-ger bei großen Bauern Niederbayerns aufgestellt wurden. Die Frage bleibt immer of-fen, ob ein Bauwerk, wie der Niederneuchinger Getreidekasten, nur deshalb dieJahrhunderte überdauert hat, weil er von Anfang an als außergewöhnlich empfun-den wurde oder ob es der reine Zufall gewesen ist, der gerade dieses Objekt erhielt,während andere vielleicht noch reicher geschmückte und ältere den mannigfaltigenZufällen der Zeit zum Opfer gefallen sind. Der älteste in Oberösterreich heute nocherhaltene Getreidekasten stammt vom Jahre 1522 und stand in Balding bei Offen-hausen( vgl. M. Kislinger, Farbtafel 4b, jetzt Giebelwand im OÖ. Landesmuseum,Linz/ D.). Der Erhaltungszustand der Niederneuchinger Malerei ist schon seit Gene-rationen nicht der Beste. Aus der Erinnerung kann aber berichtet werden, daß auchhier, wie üblich, Rötel, Ruß und Kalkweiß verwendet wurden, also Pigmente, die imBauhandwerk während des ganzen Mittelalters zur Verfügung standen. Bei dem en-gen Bezug des Niederneuchinger Dekors zur Formsprache der Spätgotik können wirauch die Vermutung äußern, daß es die farbige Außenarchitektur spätgotischerStädte gewesen ist, die dem ländlichen Bauhandwerk den Gedanken des Bauwerksals Bildträger vertraut gemacht hatte und hier, wie so oft, beim Werden der Volks-kunst mit geringstem Materialaufwand bürgerliche und adelige Vorbilder umgesetztwurden. Aus dem Vergleich mit der Entwicklung des Schnitzdekors im oberdeut-schen Fachwerk, man denke besonders an die Ortsäulen, gehen wir nicht fehl, wennwir als früheste Stufe der niederbayerischen Zimmermannsmalerei neben der Beto-nung der architektonischen Gliederung durch farbige Striche, das Anbringen vonJahreszahlen, Besitzer- Initialen, eventuell auch von Haus- und Schutzzeichen sehen.Diese Übung hat frühestens um 1500 eingesetzt. Von solchen Anfängen aus gewannder farbige Dekor mehr und mehr an Raum. Nach dem Vorbild der wohlhabendenBauern richteten sich nach und nach die weniger begüterten in der Nachbarschaft.In Oberösterreich dürfte diese Entwicklung ganz ähnlich verlaufen sein. Im 18.Jahrhundert muß es sozusagen selbstverständlich geworden sein, daß man Hof- undStadeltore, Türumrahmungen und Pfettenvorstöße farbig behandelt hat. Ein Bau-werk wäre offensichtlich nicht vollendet gewesen, wenn ihm solcher farbigerSchmuck gefehlt hätte. Die Blütezeit dieser Kunst am Bau fällt mit dem Beginn einerverstärkten Möbelmalerei in Niederbayern zusammen. Dürfen wir ja nicht überse-hen, daß offenbar auch manche Möbel von Zimmerleuten farbig geschmückt wur-den. Bevor wir aber uns mit der Epoche von rund 1780 bis 1840 befassen, sei nochkurz an die bemalte( z. T. schablonierte) spätgotische Holzdecke in Oberndorf beiKelheim bzw. bei Bad Abbach erinnert, die in den Bereich dessen fällt, was wir heu-te unter dem Begriff Bauschreinerei zusammenfassen. Auch bei dieser Decke findenwir, wie in Niederneuching, die Beschränkung auf die Farben rot, braun, schwarzund etwas weiẞß. Die Oberndorfer Holzdecke ist heute im Bereich Niederbayerns einUnikum. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, daß es manche ähnliche Arbeiten in nie-derbayerischen Kirchen und Kapellen gegeben hat, bis die Zeit des Barock diemittelalterlichen Holzdecken durch lichte Gewölbeflächen ersetzt hat. Gelegentlichhat uns auch ein Möbelstück diesen farbigen Stil bewahrt, wie jener zweitürigeSchrank aus der Gegend von Fürstenzell bei Passau( um 1600), der auf der Münche-ner Möbelausstellung von 1975( unter Katalognummer 3) gezeigt wurde und dermöglicherweise einmal ein Sakristeimöbel war, bevor er zu irgendeinem Zeitpunktin bäuerlichen Besitz kam. In bäuerlichen Verlassenschaftsinventaren der Zeit um1600 aus Niederbayern findet sich nie ein Hängekasten( Kleiderkasten).
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