Druckschrift 
Volkskultur : Mensch und Sachwelt ; Festschrift für Franz C. Lipp zum 65. Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

lich keine unmittelbare Auskunft: Die Zimmer stehen ja in Wirklichkeit leer und inder Scheune liegen keine Garben, weil der Drusch bereits auf dem Felde erfolgt. Esgewinnt aber eine neue Funktion als ästhetisch- bildhafter Bestandteil der Land-schaft, es gewinnt diese neue Funktion in den gebildeten Schichten des Volkes, estritt als Denkmal in den Denkbereich der Hochkultur ein.

Neben der Dauer sind die Anzahl und Dichte eines Merkmales ein sicheres Aus-kunftmittel über seine landschaftsbildende Kraft. Je häufiger ein Merkmal in einembegrenzten Raum auftritt, desto größer ist seine Aussagekraft über die kulturellenund sozialen Kräfte, die es bedingen. Ohne in die von Wilhelm Heinrich Riehl mitRecht gerügte statistische Krankheit zu verfallen, könnte man z. B. die Häufigkeitreligiöser Bekundung, wie sie sich in Kapellen, Bildstöcken und Marterln innerhalbeines bestimmten Ausschnittes der Agrarlandschaft darstellt, mit ähnlichen Bekun-dungsformen in dem flächengleichen Ausschnitt einer Großstadtlandschaft verglei-chen. Bei aller Problematik eines solchen Vergleiches würde man doch recht auf-schlußreiche Ergebnisse über die Volksreligiosität gewinnen, wenngleich die Zahl al-lein über die Tiefe religiösen Erlebens nichts aussagt. Die Dichte und Eigenart derLandschaftsmerkmale lassen aber auch Aussagen über Beharrungs- und Bewe-gungslandschaften zu, und zwar insofern, als statische Landschaften durch eine gro-Be Häufung gleichartiger Merkmale, dynamische Landschaften durch Häufung ver-schiedenartiger Merkmale bzw. durch einen raschen Wechsel von Merkmalen ausge-zeichnet sind, die auf häufige Innovationen schließen lassen.

Ich möchte diese Überlegungen nun nicht weiter ausspinnen, sondern zu eini-gen abschließenden Feststellungen kommen: Das optische Gefüge der Landschafts-merkmale ist in Wirklichkeit ein Abbild des Sozialgefüges der betreffenden Land-schaft, d. h. der in der Landschaft tätigen Lebensgruppen und Gemeinschaften. Wirkönnen daher die Landschaft auch als ein soziales System auffassen, gleichgültig obwir eine Hauslandschaft oder eine Sakrallandschaft betrachten- denn auch die Sa-krallandschaft ist nur denkbar als Ergebnis verschiedener Kultformen und Kult-handlungen von der Familie bis zur Pfarrgemeinde. Vergleicht man nun land-schaftsprägende Kulturgüter, so ergibt sich die nur scheinbar verblüffende Feststel-lung, daß die Eigenart und Besonderheit eines Kulturgutes um so größer sind, jekleiner die Sozialgruppe ist, die dahinter steht. Es ist wie mit dem Eigennamen, dernur eine ganz bestimmte Person bezeichnet. Der Bauernhof einer bestimmten Fami-lie ist in seiner Struktur gänzlich einmalig. Je größer das Sozialgebilde wird, dessenTraditionsgüter wir untersuchen, desto mehr müssen wir vom einzelnen auf das all-gemeine schließen, desto öfter müssen wir abstrahieren, desto farbloser wird der Ty-pus, desto inhaltsleerer wird die Form, desto umfangreicher jedoch der Begriff, inden nun viele Inhalte passen, wie jeder Hausforscher weiß, der die Häuser einesDorfes untersucht. Die farbloseste, identitätsloseste Form eines Gehäuses, in demsich Volksleben abspielt, ist dann die Großwohnanlage der Großstadt, die dem ano-nymen Sozialgebilde der Masse entspricht.

Hier kann man nun die Frage anschließen, wodurch die Raumbindung der So-zialgruppen, die in einer Landschaft leben, bewirkt wird. Ich glaube, daß die Raum-bindung um so stärker ist, je mehr Haltepunkte geistiger und dinglicher Art derMensch im Raum vorfindet. Diese Haltepunkte werden um so wichtiger, je geringerdie sozialen Kontakte sind und je unverbindlicher die Gemeinschaften werden, de-nen der einzelne angehört. Die sichtbaren Landschaftsmerkmale sind solche Halte-punkte. Sie vermögen den Menschen um so mehr zu beheimaten, je mehr er sie als

59