Druckschrift 
Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

466

Burkhard Pöttler

lich ihrer kulturellen Situation als auch bei der rechtlichen Stellung derBewohner.

Verlassenschaftsinventare

Den wichtigsten Anlaß zur Erstellung von Inventaren, wie sie seit derfrühen Neuzeit mit der zunehmenden Bürokratisierung der Verwaltung inimmer größer werdender Anzahl entstanden waren, bildeten Todesfälle;aber auch Verschuldungen, Hofübergaben und Vormundschaftsfälle stell-ten häufige Anlässe für die Erstellung dieser Besitzstandslisten dar.² Inmanchen Regionen, wie etwa in Württemberg, wurden auch anläßlich derEheschließung Inventare angelegt, die das in die Ehe eingebrachte Vermö-gen getrennt nach dem Zubringen" von Mann und Frau verzeichnen undso zusätzliche Möglichkeiten für weiterreichende Analysen bieten. SowohlVeränderungen von Haushaltsausstattungen durch die Verheiratung alsauch Heiratsmuster selbst werden so sichtbar.³

Trotz großer regionaler Unterschiede waren die geregelte Verteilungdes Erbes im Todesfall und die Festlegung und Sicherung der Abgaben anGrundherrschaft oder Stadt die wichtigsten Gründe für die Errichtung vonVerlassenschaftsinventaren.4 Daneben spielte, besonders im ländlichenRaum, auch die Wahrung des Bestandes der Untertanengüter eine gewisseRolle.

Auf Grund ihrer meist großen Zahl und des Detailreichtums haben sichVerlassenschaftsinventare als wertvolle Quelle für die Analyse verschiede-ner Aspekte des Alltagslebens und der materiellen Kultur in städtischenund ländlichen Räumen besonders des 16. bis 19. Jahrhunderts erwiesen.Als thematische Schwerpunkte waren und sind nicht nur Möbel, Kleidungund Agrarproduktion Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen,sondern auch abstraktere Konstrukte wie Haushaltstypen, Innovation,Konsumverhalten, Wohlstand und Lebensstil. Historiker, Geographen undVolkskundler mit ihren je spezifischen Ansätzen betonen in ihren Untersu-chungen meist unterschiedliche Aspekte dieser Quellen.

Nachdem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Inventare des Adels unddes gehobenen Bürgertums als Einzelbeispiele für die materielle Ausstat-tung herangezogen worden waren, forderte bereits 1929 Viktor Geramb ineinem programmatischen Aufsatz, Verlassenschaftsinventare in größeremMaß als Quelle für die historisch- volkskundliche Sachforschung heranzu-