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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
Entstehung
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Gudrun Silberzahn- Jandı

entlassen, ohne wesentlich gebessert zu sein.(...) Am 19. Januar wurde ererneut ins Krankenhaus aufgenommen."

Nun hatte er blutige Stühle.

,, Besonders lästig war das fortdauernde Gefühl von Völle und Schwere imBauch, sowie ein fast unausgesetzter Drang zum Stuhle, der den Kranken oftstundenlang an den Nachtstuhl bannte, und er nur wenige dünnflüssige, schlei-mige Fäcalmassen zu Tage förderte. Dementsprechend war auch der Krankebei seiner zweiten Entlassung den 28. Februar bedeutend mehr entkräftet undheruntergekommen. Nachdem er noch 8 Tage lang unter den heftigstenSchmerzen als Tagelöhner zu arbeiten versucht,(...) traf ich ihn am 8. März inseiner Wohnung in qualvollem Zustand.(...) In der Nacht vom 10. auf den 11.März trat der Tod ein.(...) Die Obduktion erfolgte 15 Stunden später."Dazu schreibt Dr. Späth:

,, Geringe Totenstarre.(...) Vorgeschrittene Grünfärbung der prall gespanntenBauchdecken. Bei Eröffnung der Bauchhöhle(...) dringt ohne daß ein Darmangeschnitten wird, mit lautem zischenden Geräusch ein Strom von intensivstinkenden Gasen hervor, dem sofort ein Schwall gelb gefärbter flüssiger, mitBlasen gemengter Fäcalmasse folgt. Die Menge der frei im Cavum peritonaeivorhandenen dünnflüssigen, mit purulentem Exsudat gemischten Faecesbeträgt nach ungefährer Schätzung zum mindesten zwei Maass." 34

Diese Krankengeschichte zeigt nochmals sehr deutlich den Umgangmit Kranken in der Institution Krankenhaus: Das Leiden des Schneidersund Tagelöhners war, das hatte der Arzt erkannt, nicht heilbar. Deshalberfolgte die Entlassung aus dem Krankenhaus. Dennoch war der Fall ansich, nicht der Patient, für die Medizin ein interessantes Studienobjekt.Während der Behandlung wird Krankheit an den Arzt abgegeben. Indivi-dualität und Privatheit wird aufgegeben.35 Die moderne wissenschaftlicheMedizin hat ihre Genese in der Anstaltsmedizin der Krankenhäuser. Siesetzt die Verfügbarkeit der Kranken voraus. Diese fand die moderne auf-strebende Wissenschaft in den ärmeren Bevölkerungsschichten, die sichim Krankenhaus Heilung erhofften. Mit der Konzentrierung auf Medizin,Hygiene, Gehorsam und Unterordnung war die Krankheit zum alleinigenund ausschließlichen Interesse des Krankenhauses erwachsen. DerUrsprung der Anstaltsmedizin steht somit auch untrennbar in Zusammen-hang mit der Armenfürsorge.36

1 Vgl. dazu Matz, Cornelia: Frauenerwerbsarbeit im Industrialisierungsprozess.Eine Untersu-chung am Beispiel der Stadt Esslingen. In: Esslinger Studien 33/1994, S. 177-262; hier S.