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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
Entstehung
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Kaspar Maase

oder die Fähigkeit zum balancierten Umgang mit den allgegenwärtigenReizen der populären Künste entwickeln könnten diese Überlegungscheint damals undenkbar gewesen zu sein. Der mächtige Diskurs über,, Schund" sah die Kinder hilflos ausgeliefert, wie Fliegen und Motten. Siemußten die ,, schlechten Bücher und Darstellungen" gar nicht in die Handbekommen, um Schaden zu leiden. Im städtischen Äther übten schon Titel-bilder und Plakate eine, sonderbare Hypnose" aus; 58 sie allein verbreitetenbereits Krankheitskeime, versetzten in Rausch und machten abhängig wieder Alkohol.

Man kann für die Fixierung auf die sinnliche Außenseite der kommer-ziellen Populärkünste im Stadtraum durchaus rationale Motive anführen.Nicht wenigen Jugendschützern mag klar gewesen sein, daß die Beseiti-gung von ,, Schmutz und Schund" ein unerreichbares Maximalziel darstell-te; dann war es pragmatisch sinnvoll, wenigstens die Präsenz in der Öffent-lichkeit zu verringern. Und viele Bürger werden nach der Jahrhundertwen-de mit Empfindungen von Peinlichkeit, Unbehagen und auch Ärger rea-giert haben auf die Zunahme erotischer und sexueller Botschaften im urba-nen Raum( und parallel in weiteren Medien); so geht es ja selbst dem abge-brühten Städter der Gegenwart, wenn er unfreiwillig und massiv mit Bil-dern erotisch aufgeladener Nacktheit und sexueller Begegnung konfron-tiert wird.

Doch solche Erwägungen können die radikalen Säuberungspraxennach der Jahrhundertwende nicht befriedigend erklären und schon garnicht die Aggressivität gegen jene, die es angeblich zu schützen galt. Esbleibt ein Rest. Der geht auf das Konto der Machtkämpfe zwischenErwachsenen( insbesondere Erziehern) und Heranwachsenden um diepraktische Definition von Kindheit. Die Zugänglichkeit von Massenkunstim Stadtraum und die gewitzte Nutzung dieser Chance durch Halbwüchsi-ge bewiesen faktisch, daß ein Informationsmonopol der Erzieher nichtmehr existierte und auch nicht wieder aufzurichten war.

Die Säuberer der Öffentlichkeit handelten in dieser Hinsicht stellver-tretend für alle Erwachsenen. Doch damit geriet die Gesellschaft, die ihreZukunftshoffnungen in die nachwachsende Generation setzte, die mit derDrillschule brechen wollte, die das, Jahrhundert des Kindes"( Ellen Key)und eine neue, verständnisvolle Erziehung vom Kinde aus" propagierte,in einen schmerzlichen Widerspruch mit sich selbst.