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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
Entstehung
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Gertraud Liesenfeld

gespart. Bei Commenda erklärt sich dies wohl nicht unwesentlich aus sei-ner Eingebundenheit in die Trachtenerneuerungsbewegung, 36 bei LeopoldSchmidt aus seinem wissenschaftlichen Denken, erst über die Beachtungder, Altbestände" oder bloß deren, Restformen" zu den Neubildungenvordringen zu können. Sein diesbezüglich biologistisches Argumentierenin den Begriffen Erbe und Neuwuchs" auf den Punkt gebrachtließ ihn letztlich in der Wahrnehmung der Kulturerscheinungen eher selek-tiv vorgehen.

Deutlich ist auch an dem eben zitierten Bekleidungsbeispiel dieDistanzhaltung der beiden Wissenschaftler zu den ökonomischen undgesellschaftlichen Veränderungen von Wien und Linz abzulesen. Linz warlängst zur Industrie- und Pendlerstadt geworden, Wien derLebensmittelpunkt verschiedenster Ethnien, unterschiedlichster sozialerSchichten, Gruppen und Milieus sowie differenter politischerGruppierungen. Zwar wird in den programmatischen Ankündigungen derbeiden Volkskunden verlautet, den volkskundlichen Blick auf die städti-sche Gesamtbevölkerung richten zu wollen, in realiter aber werden dannfür das Wien der damaligen Gegenwart doch nur in AuswahlKutscher, Gärtner, Hausknechte, Heurigenkellner, Rauchfangkehrer,Schrebergärtner und Bastler genannt, und für Linz vornehmlich der nichtnäher spezifizierte Bürger und Handwerker. Die Arbeiterschaft bleibt aus-gespart. Frauen und Mädchen kommen mehr oder weniger bloß inZusammenhängen mit Kleidung, Speisen, Wallfahrten und Bräuchen vor,Kinder in Verbindung mit dem Aufzeigen von Kinderspielen,Auszählreimen, Rätseln und Spottsprüchen. Für beide Stadvolkskundengilt, so läßt sich resümieren, eine zentrierte Blickstellung auf diePhänomene, die kaum in ihre sozialhistorischen, politischen und ökonomi-schen Kontexte eingebettet sind.37 Entsprechend selten werden dieGegenstände daher in ihre Erklärungs- und Bedeutungszusammenhängegestellt, sondern bloẞ in auflistender Weise thematisch zusammengefügt.

Diese Bilanz, für die Wiener Volkskunde" bereits von JuliusSchwietering gezogen 38, mag einer der Gründe sein, weshalbStadtvolkskunden in dieser Form letztlich obsolet geworden sind, wenn-gleich etwa Hanns Koren 1946, und nahezu gleichlautend 1952, ebenfallsein Pläydoyer für die volkskundliche Beschäftigung mit der Stadt-ver-mutlich Graz- gehalten hat.39