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Thomas Hengartner
und Austausch stattfinden. Straße ist Lebensraum für das Leben an wieauf der Straße sie ist aber ebenso Manifestationsraum. Straße steht nichtzuletzt im Spannungsfeld zwischen Schneise des Öffentlichen und Tram-pelpfad des Privaten. Straße als bedeutender Teil der städtischen Fläche istalso nicht nur Zwischenraum 89 oder schlimmstenfalls gar jener Flucht-weg aus der Stadt, der städtisches Leben überhaupt erträglich macht⁹,—sondern ebenso Stadt- Raum.
Straße ist mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzbar und besetzt. Sosind die Straßen der Großstadt auch„, zunehmend Ort von Menschenan-sammlungen und verschiedenen Formen von Öffentlichkeit 91. In ähnli-cher Richtung hat bereits Walter Benjamin Straßen als ,, die Wohnung desKollektivs" beschrieben:„ Das Kollektivum ist ein ewig waches, ewigbewegtes Wesen, das zwischen Häuserwänden soviel erlebt, erfährt,erkennt und ersinnt wie Individuen im Schutze ihrer vier Wände." 92 Als,, Massenmedium" 93 ist die Straße damit Handlungsfeld und Ort, an demkonkurrierende Gruppierungen Auseinandersetzungen führen und um dieVorherrschaft ringen.94 Sie war zum Beispiel Medium für die Arbeiter-schaft, die demonstrieren lernte 95, sich den urbanen Raum, vor allem seineStraßen und Plätze für ihre Aufmärsche( zentral diejenigen des 1. Mai)—erschloẞ.⁹ Sie wurde aber auch von protestierenden Frauen in Anspruchgenommen, die zum Beispiel in den Brotkrawallen des Vormärz und in derRevolution von 1848 sich den Straßenraum im Wechselspiel zwischenVorwärtsdrängen im öffentlichen Bereich und Rückzug in die( eher) priva-ten Territorien der Gassen und Häuser aneigneten.97
Die Inanspruchnahme der Straße als Manifestationsraum bildete soeinen wichtigen Faktor der Erfahrung des Städtischen wie auch städtischerRaumerfahrung zwischen den Polen der Vertrautheit mit dem engerenLebensraum und dem Aufgehobensein in einer interessengleichen Masse
was sich bis heute nicht nur fortsetzt, sondern auch Ausdruck in neuenFormen findet.98 Straße als„ Wohnung des Kollektivs" hat aber durchausnicht nur im Politischen ihren Ausdruck gefunden, sondern auch in Äuße-rungen wie dem Techno- Event der Loveparade oder solchen wie ,, Festum-zug, Gassenspiel, Straßenfest, Straßenfastnacht, Prozession" 99 etc., dieschon lange im volkskundlichen Blickpunkt stehen.
Straße, ich kann hier nur kurz weiter skizzieren, ist Raum der Unsi-cherheit, des Zwielichtigen und gesellschaftlich Ausgegrenzten: für Ver-