UTZ JEGGLE
Partner als Kuscheltier, um den Körper auf die weite Reise zu schicken und zugleichdie Gewähr zu haben, daß er wieder zurückkehrt. So wie das Licht, das mancher zumEinschlafen braucht, den Weg in die Finsternis weist, so ist es vielleicht die Berührungdes Kindes mit dem Teddy, die garantiert, daß die Außenwelt nicht verschwindet. Sobraucht der Schlaf ein ungeheures Sicherheitssystem, das ihm die Zuversicht gibt insBewußtsein zurückkehren zu können, zu überleben. Dazu braucht es Rituale desEinschlafens, ein Bett, eine gute Matratze, einen Wecker, der mich wieder zu mirbringt wie es heißt, als sei das eine Spaltung und ginge das Ich eine Zeitlang aufanderen Hochzeiten tanzen. Dieser freie nächtliche Ausgang, den wir manchmal inPhasen von Überarbeitung dem anderen Ich, dem Es in Freud'schen Kategorien, nurungern gestatten, ist die Voraussetzung, um aufgeräumt wieder zurückzukehren und alsIch wieder meinen Dienst zu tun.
Der Schlaf wäre also eine Art Fasching und Sanatorium zugleich, in dem durchäußere Ruhe innere Umtriebigkeit möglich wird, die unruhigen Schlafzonen die ruhi-gen ablösen und kreuzen und queren und so des vorausgegangenen Tages Lastengerüttelt und geschüttelt werden, damit der neue Tag beginnen kann und die Ordnung,die er braucht, geschaffen worden ist. Zwei Bilder stellen sich zum Schluß ein, dieKölner Heinzelmännchen, denen der Heimatdichter August Kopisch ein haltbaresDenkmal errichtet hat, die ja auch nächtens die Stadt in Schwung halten- ,, Wie warzu Köln es doch vordem mit Heinzelmännchen so bequem! Denn, war man faul – manlegte sich hin auf die Bank und pflegte sich. Da kamen bei Nacht, ehe man's gedacht,die Männlein und schwärmten und klappten und lärmten und rupften und zupften undhüpften und trabten und putzten und schabten. Und ehe ein Faulpelz noch erwacht',war all sein Tagewerk bereits gemacht." Weniger poetisch und weniger aktivistisch,aber ähnlich strukturiert kommen einem die Putzaktionen in einem Restaurant nach derPolizeistunde in den Sinn, die Stühle werden auf den Tisch gestellt, die größten Fleckenwerden aufgewischt, die Aschenbecher geleert, es wird gelüftet etc. Jedenfalls bleibtdie Lokalität, das Haus, dabei erhalten. Auf- und ausgebaut wird es nur in der Kindheitund möglicherweise noch einmal, wie Mario Erdheim gezeigt hat, in der Pubertätumgebaut. Im Alter ist Stabilität gefragt, man erlangt sie durch glückliche Erfahrungen,wie eine dauerhafte Zuneigung oder eine Psychoanalyse, die manches sogar renovierenund ausbessern können. Im übrigen muß man froh sein, wenn das Haus nicht frühzusammenkracht, sondern allnächtlich in Ordnung gebracht wird. Der Traum ist derHüter des Schlafs, der Schlaf schafft die Ordnung, die das Morgen braucht, um amHeute anknüpfen zu können. So ermöglicht man Tradition und sichert Individualität-alles im Schlaf.
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