Druckschrift 
Netzwerk Volkskunde : Ideen und Wege ; Festgabe für Klaus Beitl zum siebzigsten Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

VERA MAYER

benden bäuerlichen Schichten vorbehalten war, so hat die Bautätigkeit in der Nach-kriegszeit einen direkt antiregionalen Charakter. Ein neues Zeitalter für alle Sozial-schichten brach an. Für die meisten war der alte Bauernhof nicht mehr Ausdruck derneuen sozialen Wirklichkeit. Das neue, nach städtischen Vorbildern gebaute Hauswurde ein Zeichen des Fortschritts, das alte Haus ein Zeichen der Rückständigkeit.13Die drückende Wohnungsnot verlangte ein schnelles und billiges Bauen.

Im Einfamilienhausbau wurde in den fünfziger Jahren an die Vorbilder des in derZwischenkriegszeit propagierten Siedlungsbaues angeknüpft. Die auf einem Kreuz-grundriß gebauten eingeschossigen Häuser des Steildachtypus, umrahmt von einemkleinen Garten, erwiesen sich für Arbeiter und kleine Angestellte als besonders geeig-net, da sie einfach und ohne teure Spezialbaustoffe erbaut werden konnten. SolcheSiedlungshäuser aus der Zwischen- und Nachkriegszeit sind am Stadt- und Dorfrandin Deutschland und Österreich häufig zu finden, so auch im Burgenland. 14 Die großeVariabilität des Grundrisses erlaubt es, neben den Einfamilienhäusern auch Zwei-, Vier-bis Mehrfamilienhäuser zu bauen. Wir sehen hier deutliche Ansätze zur Internationa-lisierung der Bauformen.

In den sechziger und siebziger Jahren wurde das Burgenland erst richtig von derEuphorie des modernen Bauens erfasst. Jeder, dem es ökonomisch möglich war,versuchte ein neues Haus zu bauen. ,, Jeder Familie ein neues Haus", hieß damals einWahlschlager der regierenden Sozialdemokraten. 15 Da es auf dem Land keine geeigne-ten Vorbilder für das neue Bauen gab, wandte man sich der städtischen Architektur zu,wobei man an die Zwischenkriegszeitmoderne anknüpfte. Die Verbreitung des Inter-nationalen Stils nach dem Zweiten Weltkrieg stand europaweit im Zeichen des Mas-senwohnbaus, der Industrialisierung der Bauproduktion und Verwendung von billigenMaterialien.

Die Veränderung der Hausstrukturen im Ortsverband lassen sich im Burgenlandin zwei Entwicklungstendenzen zusammenfassen: Die erste Tendenz ist die Erweite-rung des Hauses an der Straßenfront- vom Giebelhaus zum Breitfassadenhaus. Diezweite Tendenz ist die vertikale Erweiterung des Hauses- der Trend zum Obergeschoß.Diese Entwicklung hat das traditionelle Straßenbild im Burgenland in den letztenfünfzig Jahren wesentlich verändert. Die Entstehung eines straßenseitigen Breitfassa-denhauses ist dabei ein Prozeß, der beim bürgerlichen Haus in diesem Raum bereits inder Renaissance und im Barock angefangen hat, beim bäuerlichen Haus erst am Ende

13 Siehe dazu Mayer( wie Anm. 1), S. 157-161.

14 Mayer( wie Anm. 1), S. 67-70.

15 Grosina, Helmut: Der Untergang der weißen Dörfer(= Meridian 1/33: Burgenland). o.O., o.J., S. 62.

420