VOLKSKUNST
ponisten Händel mit dem Oratorium Judas Makkabäus besingen ließ. Man könnte dieseLinie weiter ausziehen bis in den NS- Kirchenkampf von 1934 ff., um das Bewußtseineines historischen Erbes noch in der Nachkriegsgeneration festzumachen.
Aber heute, im pluralistischen Zeitalter der multikulturellen Erlebnisgesellschaftund des( hier paẞt es einmal hin) postmodernen ,, anything goes", haben längst einigeHausbesitzer in Herborn mit dem Argument ,, unsere Stadt soll schöner werden" ihrebunten Fachwerkfassaden freigelegt, und diese knallen nun wie einst die falschenGoldzähne aus dem auf diese Weise optisch erst negativ schwarz gewordenen Gebiẞdes so ernsten Gesichtes von Herborn. Die Konsequenz ist abzusehen. Es werdenweitere Freilegungen folgen und schließlich Ergänzungen für eine neue Ensemblewir-kung des anderen Lebensgefühls der heutigen Bewohner und der Erwartungshaltungendes Fremdenverkehrs. Das will keine qualifizierende Bewertung sein, sondern eineschlichte Zustandsbeschreibung. Ästhetische Maßstäbe für moralische Maxime zuhalten, war und ist hingegen ein politisches Geschäft fundamentalistischer Aufklärungund obliegt nicht der Kompetenz von Wissenschaft.
Wir sind mit unserem Beispiel noch immer beim Phänomen Farbe und den damitverbundenen unterschiedlichen, d.h. wandelbaren ästhetischen Bewertungen, zugleichbei der( angeblichen) Dignität der den Forscher adelnden Beobachtungsobjekte. Fach-werk zählt nur als städtisches Bauwerk bisweilen zur Domäne von Kunsthistorikern.In der Regel wird es den Volkskundlern als Forschungsgegenstand überlassen. Es kanndann im Bereich sogenannter Volkstümlichkeit zwischenlagern, denn akademischeEhren sind für Kunsthistoriker damit kaum zu erringen, es sei denn an TechnischenHochschulen. Ältere Volkskunstbände pflegen daher mit landschaftstypischen Haus-fassaden zu beginnen. Herborn bleibt also ein gutes Beispiel für uns, um sich daran injeder Hinsicht die Zähne auszubeißen.
2. Zu den Formproblemen am Phänomen des Stils
Dabei komme ich auf den Begriff des ,, Naiven" zurück. 1961 und 1974 gab es inder Bundesrepublik Deutschland große Ausstellungen über ,, Das naive Bild der Welt"und ,, Die Kunst der Naiven", wobei in höchst subjektiver Auswahl durch den jugosla-wischen Promotor dieser Dinge, Oto Bihalji- Merin vorgestellt wurde, was naiv sei oderwie man naiv zu verstehen habe im Zusammenhang der damals als Sammelobjekte aufdem Kunstmarkt, in den Galerien und für die Museen interessant gewordenen Laien-arbeiten künstlerisch Ungebildeter. Zur Münchner Ausstellung von 1974/75 habe ichseinerzeit angemerkt, daß es eine Aufgabe von uns Volkskundlern ist, kunsthistorischund geistesgeschichtlich sehr viel exakter noch die Entstehung, Entdeckung, Förderung
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