GOTTFRIED KORFF
auch eine ,, neue Produktgestaltung und neue Produktgrößen“ kalkuliert werden.36Gestaltung also tritt auf den Plan, wo eine zunehmende Uniformierung bzw. Formali-sierung des Alltags durch Entmaterialisierungsvorgänge stattfindet.
Eine weitere Reaktion auf die Entmaterialisierung ist die modo symbolico bewußtangestrebte Re- Materialisierung unserer Lebenswelten: die ästhetisch- symbolischeAuszeichnung der Materialien. Wo Kartoffeln uns nur noch in Pfanni- Form begegnen,gewinnt eine Kartoffelausstellungen, wie sie unsere Zeit vermehrt erlebt, tatsächlichan Plausibilität.37 Sicher ist die expansive Musealisierung, also die prätentiöse Siche-rung und Zurschaustellung historischer Dingwelten auch eine Folgeerscheinung derzunehmenden Formalisierung, Rationalisierung und Entmaterialisierung des Alltags.Das Museum verbürgt materielle Authentizitätseffekte in einer Welt der Vermitteltheitund Rationalität. 38 Ähnlich hat kürzlich Alain Touraine die Wiederkehr der ,, Welt derEthnien"( ,, Stämme" nennt er sie mit M. Maffesoli), die Welt der Identitäten als eineRevitalisierung von Hemdsärmelarchaik und Antiquitätenlust interpretiert.39 Was ehe-dem eine primär instrumentelle Funktion hatte, rückt in den Bereich des nur nochAffektiven und Symbolischen.
3. Funktionalität
Der Volkskunde und Ethnologie war immer klar, daß Sachen, genauso wie Dinge,polyfunktional sind, daß der Stuhl dem Sitzen, aber auch der Bekundung von Status,von familiarem oder gesellschaftlichem Status dient.40 Artefakte fungieren als Instru-
36 FAZ vom 17. Mai 1990.
37 Erwähnt werden muß hier vor allem das Kartoffelmuseum in Fußgönheim bei Ludwigshafen- Oggersheim.Klaus Brandenstein( Tübingen), dem ich den Hinweis auf dieses Museum verdanke, machte mich außerdemauf eine Kartoffel- Ausstellung aufmerksam, die 1988 im Rieser Bauernmuseum Maihingen stattfand und vonder Firma Pfanni unterstützt wurde. 1992 zeigte das Freilichtmuseum Cloppenburg( als erster Station) eineumfangreiche Kartoffelausstellung, die durch ihre intensive wissenschaftliche Vorbereitung und ihre sorgfältigerarbeitete Begleitpublikation bestach: Ottenjann, Helmut, Karl- Heinz Ziessow( Hg.): Die Kartoffel. Ge-schichte und Zukunft einer Kulturpflanze. Cloppenburg 1992( mit dieser Ausstellung stellte sich übrigenserstmals ein Ausstellungsverbund vor, in dem sich volkskundliche Museen des ländlichen Raums auch zurBeförderung der Sachkulturforschung zusammengeschlossen haben).
38 Korff, Gottfried: Aporien der Musealisierung. In: Zacharias, Wolfgang( Hg.): Zeitphänomen Musealisierung.Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung. Essen 1990, S. 57-71.
39 Touraine, Alain: Gibt es eine europäische Kultur? Regionale Traditionen, Massenmedien und Aufgaben derIntellektuellen. In: Lettre international 7/1989, S. 79-82. In die gleiche Richtung geht die Überlegung von NiklasLuhmann, der in einer kleinen Glosse in der FAZ vom 4. Juli 1990 von ,, Stammesnationalismen, oft mitreligiösem Treibstoffzusatz" sprach.
40 Andritzky, Michael, Michael Schwarz( Hg.): z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens.Gießen 1982; Der aufrechte Gang. Zur Symbolik einer Körperhaltung. Tübingen 1990, S. 193–221.
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