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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
Entstehung
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kennen. Es liegt nur, im Gegensatz zu den griechischen Erzählungen, keineDecke von Weltschöpfungsgrübeleien und Heroengeschichten über dembäuerlichen Mythos, Erntearbeit, Erntegerät, strenges Beachten des heiligenBrotgetreides, das sind die Akzente dieser litauischen Sagen. Man wird ihreAltertümlichkeit nicht verkennen, aber wohl auch mit einer besondersbäuerlichen Ausformung rechnen müssen.

Nur von diesem Gesichtspunkt aus sei an dieser Stelle ein Blick nachdem fernen Osten geworfen: dorthin, wo wir in China gelegentlich einmalauch eine männliche Sichelgestalt antreffen. Ein Märchen aus Chin- Hua,,, Die Wunderwerke", läßt einen bezeichnenden Blick in die Sehnsuchtsweltdes chinesischen Bauern tun. Lu- Pan, der Märchenheld, eine Art vorbuddhi-stischer Heiliger, soll Weizen ernten. Er macht aus Erde Buddhas, mitSicheln in der Hand. Vor Beendigung des letzten kommt seine Mutter undschimpft mit dem Lu- Pan. Dabei sieht sie mit einem Mal, daß die Buddhasdas Feld abmähen, nur der letzte kann es nicht, und die Mutter muß dasletzte Stück selbst schneiden. Verwandte Züge sind im chinesischen Märchenhäufig; andere, dem Lu- Pan gleiche Gestalten machen Strohfiguren, die ihrFeld pflügen und jäten müssen 563). Das sind also Strohschabe wie unsereSchrate, die auf irgendeine Weise zum Dienst gebracht werden. Wir werdender gleichen Gestaltungsidee bei den Sichelfrauen in Europa wieder be-gegnen. Anderseits darf aber auch auf die Legende von Simon dem Magierzurückverwiesen werden, der auf Geheiß seiner Mutter eine Sichel zumGrasschnitt auf die Flur legt und zu ihr spricht Geh und mähe!", woraufdie Sichel ganz allein mäht 564). Die Verbindungen zwischen Ost und West,die wohl auf den alten Seiden- und Pilgerstraßen vor sich gegangen seinmögen, wären ein Kapitel für sich; aber eines außerhalb dieser Studien.

Wenn man also schon von den möglichen Beeinflussungen angesichts derwenigen Beispiele absehen will, so kann man wohl feststellen, daß diesebäuerliche Stufe, die in Europa, im vorderen Orient Glossar ::: zum Glossareintrag  Orient und in Ostasien so auf-fällig gleiche Glaubensgestalten und Erzählungen hervorgebracht hat, wiedie gesamte hier herangezogene antike Mythologie gezeigt hat, im Mittel-meerbereich seit Jahrtausenden vielfach überschichtet ist. Hier sind nicht nurdie gewaltigen Heroisierungen wirksam gewesen, hier haben auch ausge-sprochene Allegorisierungen stattgefunden. Ursprünglich vielleicht mit Jah-reszeitenglauben, mit rituellem Jahreszeitenspiel verbunden, sind sie zu-mindest in römischer Zeit doch nur Allegorien ohne eigentliche glaubens-mäßige Bindung gewesen. Das beweisen alle bildlichen Darstellungen dervier Jahreszeiten in der römischen Kunst immer wieder. Wenn also hiereine Personifikation des Sommers" mit der Sichel in der Hand auftritt 565),dann wird man keine eigentliche Sichelgestalt im Sinn des Volksglaubensdahinter vermuten dürfen. In seiner Vorgeschichte wie in seiner etwaigenNachwirkung kann freilich auch ein derartiger Genius, besonders im Um-kreis des Dionysos, von der Gestaltheiligkeit seines Gerätes erfüllt gewesensein.

Daran denkt man jedenfalls, wenn man in rezenten Brauchspielen Som-merdarstellern mit der Sichel als Requisit begegnet. In Göpfritz an der Wildin Niederösterreich gehen die Sommer- und Winterspieler, und der ganzweiß gekleidete Sommer hat die Sichel in der Hand, wogegen der mit Strohumwundene Winter den Dreschflegel führt 566). Hier stehen wahrscheinlichÜberlieferungen von sehr verschiedenem Alter nebeneinander. Im allge-

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