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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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Ähnlich wie in Österreich geht es in Deutschland. Durch Süd- und Mittel-deutschland sind Hornkumpfe verbreitet, ohne daß darüber viele Nachrichtenvorliegen würden. Im Siegerland trug man zum Wetzen der Sichel den Wetz-stein bei sich im Schlocker", einem am Gürtel getragenen Kuhhorn. HubertKroll hat festgestellt, daß für den örtlichen Bedarf derartige Behälter ausKuhhorn sogar in Fabriken hergestellt werden 365). Im Saargebiet handelt essich wieder um ein Kuhhorn, das dort Kochert oder Schleuderfaẞ genanntwird 366). Im Harz und in Anhalt ist das ,, Wetzefaẞ" meist ein Rinderhorn,das auch ,, Schlutterfaẞ" oder Wetztille" genannt wird 367).

Die Wetzsteinbehälter sind aber auch auf der Pyrenäenhalbinsel zuHause. In Sanabrien heißt der Kumpf frasko" und ähnlich, und ist ausHorn, oder aber ein hornartiger Holzbehälter 368). Bei den Basken vonGuipuzcoa, in Armaisteghi, konnte Rudolf Trebitsch den Wetzsteinkumpfaus einem Kuhhorn unter dem Namen ,, segapotora" feststellen 369).

Das sind selbstverständlich nur Ausschnitte, mehr oder minder zufälligepunktuelle Feststellungen für eine sehr weitreichende Geltung des Horn-kumpfes. Obgleich die Horngestalt für die Aufbewahrung des geradenSchleifsteines kaum besonders zweckmäßig erscheint, hat sie sich offenbarallenthalben zäh erhalten. Man wird kaum umhin können und darin dasFesthalten an einer Gestalttradition erkennen: die Aufbewahrung im Horn-kumpf bedeutete für den Wetzstein mehr als Getragen- und Benetzt werden,dieses Gefäßgerät war durch seine Gestalt an sich bereits fördernd wirksam.Das geht wohl nicht zuletzt daraus hervor, daß mitunter die Horngestalt auchin anderen Stoffen nachgebildet wurde, beispielsweise in Sanabrien, wo FritzKrüger eigens festgestellt hat, daß auch die Holzbehälter, soweit sie ver-wendet wurden, hornartig gestaltet sind 370). Das ist sicherlich nicht nurFormtradition, sondern eben auch Sinnüberlieferung, und das heißt hierGestaltheiligkeit.

Die zweite Stoffgruppe der Wetzsteinbehälter ist die aus Flechtwerk. Diesprachlichen Zeugnisse auf deutschem Gebiet scheinen zwei Gruppen zuergeben: die unsichere der Köchernamen im rheinfränkischen Bereich, unddie wohl als sicher anzusprechende der Kietzenamen in Mittel- und Ost-deutschland. Die Sachzeugnisse dazu scheinen heute auf deutschem Gebiet zufehlen. Die Gegenwart kennt geflochtene Wetzsteinbehälter nur aus Skandi-navien und dem Baltikum, und zwar aus Nordschweden, aus Finnland 371)und aus Estland 372). Dort werden Scheiden aus Birkenrinde als Wetzstein-behälter verwendet. Zu diesen Zeugnissen der Gegenwart tritt ein Bild-zeugnis aus dem französischen Spätmittelalter. Auf einer Miniatur eineslateinischen Manuskriptes, Bibl. Nat. Reserve Lat. 886 f. 7 v. ist ein Mannmit einer zweigriffigen Langstielsense zu sehen, der an einem strickartigenGürtel mitten vor dem Leib einen Kumpf mit einem Wetzstein darin trägt 373).Dieser Kumpf hängt anscheinend mit einem dünnen Bogen an dem Gürtel,der einem bogenartigen Henkel zu einem geflochtenen Gefäß gleichkommt;ebenso scheint die Wandung des Kumpfes nicht aus dem Vollen des Holzes,sondern eher aus den Ruten eines Geflechtes zu bestehen. Es kann sich hieralso um einen geflochtenen Wetzsteinbehälter handeln. Die Frage ist beidiesem Zeugnis wie bei der ganzen Gruppe überhaupt, ob es dabei ursprüng-lich zum Behälter für Wetzsteine gehört. Diese geflochtenen Behälter dürftenja nicht wasserdicht gewesen sein, und die Füllung mit Wasser ist bei den

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