Druckschrift 
Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
Entstehung
Seite
1
Einzelbild herunterladen
 

VORWORT

Die folgenden Untersuchungen, die durch den Leitgedanken des bäuer-lichen Arbeitsmythos zusammengehalten werden und bestimmt sind, ent-standen aus der Grundeinsicht der tief innerlichen Verbundenheit alles volks-mäßigen Fühlens und Handelns. Die Volkskunde, welche auf der Grundlageder Erkenntnis dieser Verbundenheit erwachsen ist, hat sich in der Vielheitihrer Spezialdisziplinen so weit von einer einheitlichen Erkenntnissuche ent-fernt, daß sie oft das Verbindende nicht mehr sieht. Im besonderen drohtdie Spaltung zwischen geistiger Volkskunde und Sachvolkskunde Zusammen-hänge zu zerreißen, die als solche wichtiger als die Einzelheiten hüben unddrüben sind; es ist insbesonders die Sachvolkskunde, die durch ihre Hin-wendung zur Wirtschaftsgeschichte und anderen, der Volkskunde in ihrerEigenart fremden Disziplinen in Gefahr erscheint, die bei weitem tieferenErkenntnisse der geistigen Volkskunde aus den Augen zu verlieren undsich an Untersuchungen zu verzetteln sowie voreilige Zusammenfassungenzu versuchen, welche die Hilfswissenschaften der Geschichte zu leisten be-rufen sind und auch nur in deren Sinn ausfallen. Es muß daher Aufgabe dergeistigen Volkskunde sein, von sich aus die Einheit wiederherzustellen undden Primat der geistigen Grundlagen, wie sie ihn seit mehr als einem Jahr-hundert herausgearbeitet hat, wieder in den Vordergrund zu stellen unddie Sachvolkskunde nachdrücklich auf die Bedeutung der volkstümlichenGeistigkeit, insbesonders des gesamten Volksglaubens in allen seinen Er-scheinungsformen hinzuweisen. Es ist dies der Weg, auf dem von Jacob Grimmüber Wilhelm Mannhardt die große Linie der Volkskunde als einer Wissen-schaft mit einer eigenen Anschauungsweise gegangen ist, der eigentliche Wegder Volkskunde als selbständiger Wissenschaft. Vertreter der verschieden-sten Richtungen der Volkskunde in den letzten Jahrzehnten, wie etwa EduardHoffmann- Krayer, Adolf Spamer und Karl Spieß, um nur bedeutende undselbständige Theoretiker zu nennen, haben die Einheitlichkeit der Disziplinaus dem Geiste der Grundanschauung immer wieder betont und dement-sprechend geistige Volkskunde und Sachvolkskunde fruchtbar miteinanderzu verbinden gewußt ¹).

Von diesem Gesichtspunkt aus habe ich nun hier versucht, von einemzentralen Gebiet der bäuerlichen Sachkultur auszugehen und dessen wesent-liche Züge auf ihrem geistigen Weg zu verfolgen 2). Wenn im folgenden dieGruppe der alten bäuerlichen Ernteschnittgeräte und der dazugehörigenBehelfe sowie einige gestaltgleiche oder gestaltverwandte Erscheinungen bisin alle Einzelheiten ihrer glaubens- und brauchmäßigen Geltung verfolgtwerden, so soll dies durchaus auch der Sachvolkskunde dienen: nämlich umihr zu zeigen, welchen geistigen Raum man auszuschreiten hat, und welcheseelische Tiefe für uns lotbar ist, innerhalb derer eine Verfolgung der dabeizutage tretenden Gestaltmotive in alle Bereiche des Volksglaubens möglichund notwendig ist. Denn erst nach einer möglichst vollkommenen Durch-dringung der Erscheinung löst sich das Gestaltbild für den Forschenden soab, gewinnen wir aus der tausendfältigen Konkretisierung die gestaltliche

1 Schmidt, Gestaltheiligkeit

1