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Das St. Lambrechter Passionsspiel von 1606 : Passio Domini und Dialogus in Epiphania Domini des Johannes Geiger
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8. Die literarische Bedeutung der Passio domini

Es ist schon im Vorwort darauf hingewiesen worden, daß der Wert der Passiodomini des Johannes Geiger hauptsächlich darin liegt, daß sie zwischen dem mittel-alterlichen und dem barocken Passionsspiel ihren Platz hat. Aus dieser Zwischenstufehaben sich nicht allzuviele Texte ihrer Art erhalten, was seinen Grund wohl darin hat,daß die religiösen Strömungen des 16. Jahrhunderts dem geistlichen Spiel abhold waren,das sich erst wieder mit der katholischen Reaktion allmählich einbürgerte. Während diealten Orden zunächst an den liturgischen Feiern und deren Ausläufern( Osterfeier, Oster-spiel usw.) festhielten bzw. sie wieder erneuerten, wie das oben dargelegte Beispiel vonSt. Lambrecht zeigt 106), wandten die Jesuiten und nach ihnen besonders die Kapuzinerandere Formen religiöser Aneiferung und Vertiefung an 109). Die Jesuitenbühne befaßtesich aber nicht so sehr mit dem Passionsspiel als vielmehr mit symbolischen Vorstellungenverschiedenster Art. Die eigentlichen Pfleger der Passion scheinen jedoch in den altenStiften des Landes, in Steiermark zu Admont, St. Lambrecht und Seckau, gesucht werdenzu müssen, wo die Geistlichen selbst oder weltliche Schulmeister für deren Leitung aus-ersehen waren. Wie wir oben schon bemerkt haben, war in St. Lambrecht im Jahre 1584eine Passionsvorstellung, von der wir zwar nicht wissen wie sie aussah, die aber wohlein richtiges Spiel war, da der für solche Aufführungen gebräuchliche Name derPassion" Verwendung fand 110). Daß andere Nachrichten nicht vorliegen, beweist nicht,daß Passionsspiele sonst nicht aufgeführt wurden. Da gleichzeitig auch noch die Oster-feier in St. Lambrecht beheimatet war und im Gebrauch gewesen zu sein scheint, wardas Passionsspiel eine gewiß willkommene Bereicherung der Karwochenliturgie außerhalbder Kirche. Sie begann mit der Palmweihe, wurde fortgesetzt durch den Wechselgesangbei den Trauermetten, fand gewissermaßen außerkirchlich ihren Höhepunkt in den ver-schiedenen Formen der Darstellung des Leidens Christi am Gründonnerstag und Kar-freitag und gewann mit der Oster- und Auferstehungsfeier in der Osternacht ihrenglorreichen Abschluß 111). Für all das gibt uns St. Lambrecht Beispiele bis ins 17. Jahr-hundert. Mitten hinein in dieses liturgische, zum Teil auch außerkirchliche Geschehenstellte Johannes Geiger seine Passio domini als Ausdruck einer neuen Gesinnung, die,frei von Überschwänglichkeiten, den Typus des Renaissancespieles rein herausarbeitete.Geiger war durch die lokalen Verhältnisse genötigt, möglichst wenig Aufwand zu treiben,da ihm die nötigen Kräfte mangels einer großen Schule nicht zur Verfügung standen,wie etwa den Jesuiten auf ihren Ordensschulen und Universitäten. So entstand keinSchuldrama im eigentlichen Sinne, sondern ein Volksschauspiel, das sich nicht ängstlichan die mittelalterlichen Vorbilder hielt, aber auch nicht unmittelbar Vorbild für die Aus-gestaltung des barocken Passionsspieles wurde.

Die Hauptmerkmale, auf die es ankommt, sind gelegentlich schon aufgezeigt worden( S. 12 ff.), bzw. ergeben sich aus dem eben Gesagten: Das Spiel hält die rechte Mittezwischen dem Allzuviel früherer und späterer Perioden, ähnlich wie sich die Renaissancein der bildenden Kunst zwischen Spätgotik und Barock einschiebt und dadurch sichwesentlich von beiden unterscheidet. Auch inhaltlich und sprachlich nimmt die PassioGeigers nicht teil an den gewissen Verwilderungen, sondern nimmt einen ehrenvollenPlatz in der Verbesserung der sprachlichen Ausdrucksmittel, wie sie bald nachher bewußtdurch Martin Opitz weiter entwickelt wurde, ein. Leider ist die Überlieferung trotz der108) S. 9. Über die Bedeutung der älteren Stifte siehe in diesem Zusammenhang Kretzenbacher,Passionsbrauch etc., S. 11 ff. und L. Schmidt, Neuere Passionsspielforschung etc., a. a. O., S. 116 f.,118 ff.

109) Zusammenfassendes für Innerösterreich bei Kretzenbacher,Schmidt, a. a. O., S. 127 ff.

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110) S. oben S. 9, Anm. 60.

111) Vgl. die Literaturangaben S. 9, Anm. 58.

a. a. O., S. 17 ff. und