2. Der Verfasser der Passio domini
Zunächst kommt es auf die Deutung der im Titel wiedergegebenen Initialbuchstabenauf dem Umschlag der Handschrift an: F. J. G. Das F ist als Frater aufzulösen, diedamals gebräuchliche Bezeichnung eines Mönches 5), wie aus gleichzeitigen Quellengenügend Beweise zu erstellen sind. Falls der Verfasser unter den St. Lambrechter Bene-diktinern zu suchen ist und die Jahreszahl für die Abfassung in Betracht kommt, sokönnen sich die Buchstaben J. G. nur auf Johannes Geiger beziehen lassen. Entscheidendfällt aber die Schrift ins Gewicht, die unzweifelhaft dem Johannes Geiger zuzuweisen ist.Schon bei oberflächlicher Durchsicht des Manuskriptes erkennt man, daß an derNiederschrift des Passionsspieles drei verschiedene Hände beteiligt waren.
Hand A schrieb den Anfang und dann wiederholt an mehreren Stellen u. zw.S. 1 bis 2, Zeile 6 von unten, S. 5 bis 13, S. 40 bis 41, S. 46, Zeile 15 von oben bisS. 50, Zeile 1.
Hand B setzt S. 3, Zeile 5 v. u. ein und schreibt S. 6 ganz und S. 39 von Zeile 3v. o. bis zur letzten Zeile.
Hand C endlich hatte den Hauptteil zu bewältigen und zwar S. 14 bis 39,Zeile 2 v. o., S. 42 bis 46, Zeile 14 v. o. und von S. 50, Zeile 2 v. o. bis zumSchluß S. 90.
Man wäre nun versucht, diese 3. Hand wegen ihrer Hauptbeteiligung am Manu-skript als die des Verfassers anzusehen. Es läßt sich aber aus den Archivalien des StiftesSt. Lambrecht, wie den pfarrlichen Matriken, Profeẞakten und Protokollen klipp undklar beweisen, wem diese drei Hände angehörten. Hand A ist die des Johannes Geiger.Ihre Schrift zeigt einen flüchtigen Zug, der den gebildeten und schreibgewandten Mannseiner Zeit charakterisiert. Die anderen Mitwirkenden waren Fr. Laurenz Widman( Hand B)und Fr. Wolfgang Andreas Waschl( Hand C). Ersterer war Benediktiner von Garsten,1599 Prior und Kämmerer daselbst, und wurde von dem aus dem gleichen Stiftestammenden Abt Martin Alopitius von St. Lambrecht im Jahre 1604 nach diesem Stifteberufen, um ihm als Prior beizustehen. Letzterer war im Jahre 1601 im Stifte ein-gekleidet worden und starb schon als Subdiakon am 8. Jänner 1606.
Spricht bereits die Teilnahme des Johannes Geiger an der Niederschrift der Passiosehr stark auch für seine Autorschaft, so fällt der Umstand noch besonders in die Waag-schale, daß er auch als Korrektor auftritt. Wir ersehen seine Tätigkeit als solcher S. 38,wo er eine Spielanweisung am Rand nachträgt, und S. 38, wo er im Vers 1700 eineBesserung vornimmt und den ganzen Vers 1712 ergänzt. Auch ist es höchst wahr-scheinlich, daß Johannes Geiger auch den Titel seines Werkes auf den Umschlag derHandschrift eintrug, wo er wohl aus Bescheidenheit seinen Namen abgekürzt bringt.
3. Wer war Johannes Geiger?
Nach der Eintragung im St. Lambrechter Totenbuch 6) war Johannes Geiger ausDinkelsbühl in Mittelfranken gebürtig. Sein Geburtsjahr ist unbekannt. Da er sich imJahre 1610 als 33jährig bezeichnet 7), dürfte es das Jahr 1577 gewesen sein 8). Um das5) Die Bezeichnung P.= Pater wäre noch unzeitgemäß, sie kommt erst etwas später wohl unter demEinfluß der Jesuiten auch bei den Benediktinern auf.
6) M. Panger1, Die beiden ältesten Totenbücher des Benediktinerstiftes St. Lambrecht( Fontesrerum Austriacarum, 2. Abt., XXIX. Bd.), S. 33.
7) Liber visitationis abbatiae S. Lamberti im Archiv der Wiener Nuntiatur.
8) Aem. Graff, 1. c. Bemerkenswert ist der Zusatz, den Fr. Georg Scriba in den Taufmatrikender Pfarre St. Lambrecht am 25. November 1609 zum Namen Geigers machte, nämlich„ Superintentent",wohl eine Anspielung auf dessen Vergangenheit. Geiger spricht aber selbst in den angeführten Visitations-akten nichts davon. Seine Jugend spricht wohl eher dagegen.
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