Druckschrift 
Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

II.

Der krümmungsreiche Urlfluß, der von seinem Quellgebiete in derGemeinde Ertl bis über den Markt St. Peter i. d. Au hinaus bloß als Bachbezeichnet wird 13), nimmt eine Reihe kleiner Bäche bis zum alten MarkteAschbach auf und empfängt erst knapp vor seiner Mündung in die Ybbs, un-weit der Stadt Amstetten, die größere Zaucha. Das Vorherrschen des mäch-tigen Vierkanters unter den bäuerlichen Hausformen dieses Landstrichesweist auf Wohlhabenheit eines schönen Bruchteiles ihrer Bauern hin; aberauch die hier angesessenen Kleinbauern und Kleinhäusler, Häuslleute" ge-nannt, die zumeist nur über ein im Grundriß rechteckiges Kleinhaus mit vierbis neun Joch Ackerland und Wiesen und wenig Wald verfügen und mit-unter statt eines Kleinhauses einen kleinen Hakenhof( ,, Haus mit Hagl") be-sitzen, teilen mit den vorgenannten rechten Bauern" Nüchternheit, Fleißund landwirtschaftliche Tüchtigkeit sowie köstlichen Witz und Humor 14).Wie weit sich das gegenwärtige Verbreitungsgebiet des als Nachbar-schaftssitte im engeren Sinne zu kennzeichnenden Sauschädelstehlens im Ein-zugsgebiete des Urlflusses erstreckt, vermochte ich bisher nicht festzulegen.Meine Beobachtungen beschränken sich auf den oberen der Flyschzone nochangehörigen Teil der Talschaft sowie ihre Seitentäler und auf die östlich an-grenzende Aulandschaft, die ungefähr beim Markte Aschbach in die soge-nannte Heide" übergeht. Im oberen und mittleren Einzugsgebiete der Ybbsist, wie ich 1953 in Erfahrung brachte, diese Brauchform unbekannt, mit Aus-nahme der Ortsgemeinde Biberbach, die im Südosten bis zum Ybbsflusse 15)reicht. Neben Biberbach 16) stellte ich das heutige Vorkommen dieser Sittefest in St. Michael am Bruckbache, Dorfgemeinde St. Peter i. d. Au, Dorf-gemeinde Seitenstetten( in allen Rotten, besonders im oberen Trefflingtale,im Volksmunde in der Treffling" genannt) 17), in Weistrach 18), Krenstetten,in den dem Markte Aschbach eingemeindeten Bauerngehöften und in Ertl.Nach Osten scheint sich dieses Vorkommen bis zu den an Aschbach grenzen-den Ortsgemeinden Mauer und Öhling zu erstrecken; denn in letzteren Dorf-gemeinden setzt die Sitte des Schweinsnierenstehlens ein. Das Schweinskopf-stehlen fällt selbstverständlich mit dem Schweineschlachten in den dortigenBauernhöfen und bäuerlichen Kleinhäusern zusammen, das fast durchaus vorgroßen römisch- katholischen Festen vom Spätherbste bis zum Frühlings-beginne geschieht, vor allem vor Allerheiligen, vor dem Tage des Landes-schutzpatrones St. Leopold, vor Weihnachten, vor den Faschingstagen undvor Ostern 19). Einleuchtend ist es, daß dieser nachbarliche Scherzbrauchhöchstens einmal in dieser meist winterlichen Jahreszeit und auch da nichtdurchgehend in allen Gehöften der genannten Ortschaften geübt wird 20).Der Einbruch der kalten, mitunter mit Schneefall verbundenen Witterungbeginnt ja in unserer Gegend schon anfangs November, sodaß der in Marktund Dorf Seitenstetten geläufige Bauernspruch berechtigt ist: Zu Martinisagt der Schnee da bin i( ch)" 21). Beim Häuslmanne, der, wenn es gut geht,einige Stück Rindvieh im Stalle stehen hat, bildet die Schweinehaltung innoch viel größerem Maße als beim Bauer neben der lebensnotwendigen Be-friedigung des Eigenbedarfes an Frischfleisch, Rauchfleisch( Geselchtes") undFett geradezu die wichtigste Einnahmsquelle, die durch den Schweineverkaufauf Viehmärkten und bei Händlern erzielt wird 22). Obwohl der Schweine-zucht in den meisten Bauerngütern Österreichs wirtschaftliche Bedeutungzukommt, ist die volkskundliche Betrachtung dieses bäuerlichen Wirtschafts-

86