Druckschrift 
Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

in Gestalt einer alten Frau, die von zwei Männern begleitet wurde, dereine rotgekleidet mit roter Peitsche, der andere in schwarzem Gewand undmit schwarzer Peitsche. Ein Schlag mit der schwarzen tötete, der mit derroten Geschlagene blieb am Leben. Die Dämonen streiften durch die Felderund um die Dörfer, konnten aber ohne die Hilfe begegnender Menschennicht in die Häuser. Trafen sie irgendwen, so zwangen sie ihn, sie in einbezeichnetes Haus zu führen und verbreiteten die Krankheit. Die armeni-schen Bauern zogen bei Ausbruch einer Epidemie unter den Klängen einerSurna( armen. georg. zurna Flöte"; neupers. zurnā Rohrpfeife, Schalmei")in den Gassen des Dorfes herum und schlugen mit einem Hammelfell aufdie Erde, wobei sie riefen: Geh weg, geh weg! Du warst genug bei uns zuGast!" Damit glaubte man die Krankheit zum Verschwinden zu bringen.Die Armenier des früheren Gouvernement Kars( jetzt Türkei) stellten sichdie Pest als ein altes Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib mit einem blauen und einem schwarzen Stabvor. Die Berührung mit dem letzteren brachte den Tod 36).

Auch bei den vor vielen Jahren aus Persien in das russische Reich über-siedelten Armeniern des Bezirks Nachitschewan hielt man die ansteckendenKrankheiten für übernatürliche Wesen, so die Cholera, die als gerecht undheilig galt, und die Blattern. Die Cholera dachte man sich als ein engel-artiges Wesen, das vor Wasser und schwarzen Hunden Angst hatte. Bei ihrwar eine menschliche Frau als Begleiterin, mit der sie von Haus zu Hauszog, es herrschte also auch hier die oben erwähnte Meinung, daß die An-steckung nur durch Menschen übertragen werden kann. Bei unliebsamenBegegnungen verwandelte sich der Krankheitsdämon in eine Nadel undsteckte sich in das Kleid der Begleiterin. Die Cholera sah nach dem Glaubender Armenier auf die Stirnschrift( čak'afagir) der Menschen, d. h. auf dieKnochennaht zwischen Stirn- und Schläfenbein, wo man sich das Schicksalder Menschen aufgeschrieben dachte. Wem der Tod bestimmt war, den schlugsie mit einer grünen Gerte. Es entstanden dann am Körper blaue Fleckenund der Tod trat ein.

Die Blattern verursacht nach dem armenischen Volksglauben ein ge-flügelter, blatternarbiger Jüngling. Dieser fliegt rasch von Ort zu Ort undstreut seinen ansteckenden Samen aus. Gott hat ihm aber nicht allzuvieldavon verliehen, deshalb erkrankt der Mensch nur einmal an Blattern. DieBlattern dachte man sich als Blume( arm. cagik Blume" und, Blattern" wiebei den Georgiern und Swanen), die den Boden rasch erschöpft, sodaß siedarauf nicht zweimal wachsen kann.

Im Falle der Erkrankung mußte der Krankheitsdämon zufriedengestelltwerden. Die Mutter eines kranken Kindes machte morgens und abendssieben Verbeugungen bis zur Erde und buk jeden Tag lawaš, den sie denArmen gab, zündete Kerzen an u. a. m. 37).

Bei diesen Vorstellungen ist der Schlag mit der roten oder schwarzenPeitsche, mit dem blauen oder schwarzen Stab oder mit der grünen Gertezu beachten, der je nach der Farbe Tod oder Genesung bringt. Hier liegteine Parallele zum Schlag mit der Lebensrute vor, der im europäischenVolksbrauch so häufig geübt wird. Wie in Volksmärchen das Wasser desLebens und daneben das Wasser des Todes häufig als Motiv vorkommt, sokann man die unheilvolle Rute der Krankheitsdämonen dem Lebenszweiggegenüberstellen, und daran erinnern, daß bei uns der Schlag mit der Le-

74

4