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Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
Entstehung
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Hochgebirge nördlich von Imerien, aufgezeichnete Sage, die folgendermaßenlautet:

Blattern und Masern sind Brüder. Ihre Mutter wohnt auf einem un-zugänglichen Felsen am Meer. Von Zeit zu Zeit schickt sie ihre Söhne aus,um die Menschen heimzusuchen. Einmal ging ein Schiff im Sturm unter,nur einen Mann warf die Woge auf einen Felsen. Als er ihn mit großerMühe bestieg, sah er oben eine nackte Frau, die ihre Wäsche im Bachewusch. Sie hatte die Brüste über die Schultern geworfen. Er schlich sichheran und berührte die Brüste mit den Zähnen( zum Zeichen der Adoption).Sie drehte sich um und fragte ihn, wie er hergekommen sei: Waren meineSöhne in deinem Hause? Ich habe sie zu dir geschickt." Er erzählte seineGeschichte, und sie führte ihn in ihr Haus. Der Fremde sah an dem Mittel-pfahl des Hauses( georg. dedabodzi Mutterpfahl") als Schmuck menschlicheAugen. Das waren die Augen derer, denen die Söhne der alten Frau dieSehkraft geraubt hatten. Das geschieht denen, in deren Haus während derBlatternkrankheit Unreinlichkeit geduldet oder das Feuer mit Wasser be-gossen wird. Unterdessen kehrten Blattern und Masern zurück. Die Mutterbat den ersteren der beiden Söhne, den Gast nach Hause zu bringen. Blat-tern antwortet: Ich habe auch einen Auftrag von Gott, er schickt morgen indas Haus des Nachbarn dieses Mannes die Pest. Mit ihr kann er heimfahren."Auf dem Gipfel des Felsens wohnten noch andere Krankheiten, so die Pest,aus deren Haus ein scheußlicher Rauch emporstieg 30).

Die swanische Sage vom Dorf der ansteckenden Krankheiten mit derdämonischen Frau, die ihre Söhne zu den Menschen schickt, das Haus mitdem augengeschmückten Stützpfahl, hat ein eigenartiges unheimliches Ge-präge, dem der dichterische Reiz nicht mangelt. Die Alte, der die Brüsteüber den Rücken hängen, die man mit den Lippen berühren muß, um siegünstig zu stimmen, ein Brauch, der bei mehreren Kaukasusvölkern dieAufnahme in die Sippe begleitet, erinnert an die Baba Jaga des russischenVolksmärchens, die selbst wieder zu den deutschen Perchten oder Hollenin naher Beziehung steht.

Bei dem Volk der Abchasen, die zur nordwestlichen Gruppe der Kau-kasusvölker gehören und in der Zahl von rund 59.000 die Autonome Abcha-sische Sowjetrepublik innerhalb der Georgischen Sowjetrepublik bewohnen,kannte man zwei Blatterngottheiten, Ach'y Soshan und seine Gattin ChaniaSchkwakwa ,, die weiße Chania". Als im Winter und Frühling 1914 in Abcha-sien eine furchtbare Blatternepidemie wütete, ließen die davon betroffenenSiedlungen die hingeschickten Impfärzte nicht zu, um nicht die Rache derBlatterngottheiten auf sich zu ziehen. Anstatt sich impfen zu lassen, ver-anstaltete z. B. das Dörfchen Dshgerda ein Opfermahl und adoptierte in einermerkwürdigen Zeremonie die Blatterndämonen, um sie zum Verlassen desDorfes zu bewegen. Das Volk begab sich in den Wald und brachte Ach'ySoshan und Chania Schkwakwa ein Paar schneeweißer Böcke und verschie-dene andere Gaben als Opfer dar. Auf zwei mit Seidendecken geschmückteBetten legte man je eine junge Frau, eine Adelige und eine Bäuerin, mitentblößten Brüsten. Das Dorfoberhaupt kniete nieder und bat die beidenGottheiten die Opfergaben in Empfang zu nehmen, sich an die Brust derFrauen zu legen und so den Akt der Adoption zu vollziehen. Die zweibesten Pferde, eines mit einem Männer-, das andere mit einem Frauensattel,auf denen man sich unsichtbar die Blatterngottheiten reitend vorstellte,

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