2.8 Herkunftsbereich Schemnitz- Kremnitz
In der Literatur wird bei einigen Objekten( z. B. Österr. Volkskundemuseum Wien( Inv. Nr.39475, 42497)) als Herkunftsort Hallstatt oder Salzkammergut angegeben 21. Dies trifft sichernicht zu, weil sich in den Flaschen nicht wie angeführt, Steinsalzkristalle, sondern typischeQuarzkristalle und Erzmineralien, die vielmehr auf Fundgebiete um Schemnitz hindeuten, be-finden. Bei Kirnbauer wird zudem das Berchtesgadener Land als Ursprungsort genannt22Auch dafür ließen sich keine konkreten Hinweise finden! Auch in Böhmen scheinen keinebergmännischen Eingerichte gefertigt worden zu sein: Trotz freundlichster Unterstützungdurch Frau Doz. Dr. Olga Skalníková und Herrn Doz. Dr. Josef Haubelt konnten bisher keinederartigen, hier hergestellten Objekte in öffentlichen oder privaten Sammlungen angetroffenwerden. Lediglich eine einzige Flasche in einer ungarischen Privatsammlung( Göbölyös, G3)mit der Darstellung des Hl. Nepomuk könnte aus Böhmen stammen. Nachforschungen in Sie-benbürgen( u. a. durch Herrn Ioan Dordea) und in Slowenien( u. a. durch Dr. Ernest Faninger)blieben gleichfalls ergebnislos.
Alle Fakten deuten vielmehr darauf hin, daß die alten" ungarischen" Bergbauflaschen fastausnahmslos im Raume von Schemnitz- Kremnitz( in der heutigen Slowakei) hergestelltworden sind, eventuell auch in Hodritsch, Neusohl oder Pukkanz. Schemnitz( Banská Štiav-nica, ungarisch früher Selmeczbánya oder im heutigen ungarischen Sprachgebrauch Sel-mecbánya) zählte einst neben Kremnitz( slowakisch Kremnica, ungarisch Körmöczbánya oderKörmöcbánya) und Neusohl( Banská Bystrica, Beszterczebánya oder Besztercebánya) zu denwichtigsten der sieben" niederungarischen" Bergstädte. Die Schnitzer wohnten wohl eher inden Arbeitersiedlungen um die Schächte als in den Bergstädten selbst. Nur die Flasche aus1782( Slg. Dr. G. V., V1) scheint aus Wien zu stammen, sie gleicht jedoch in Stil und Inhaltganz den anderen.
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Somit stammen die Bergbauflaschen aus dem berühmten Bergbaugebiet der alten Monarchieim heutigen slowakischen Erzgebirge. In diesen damals technisch fortschrittlichen Bergbaube-zirken man war in vieler Hinsicht im 18. Jh. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundertsweltweit führend blühten der Handel und das Handwerk, aber auch die Kunst und dasKunsthandwerk. Aus dem Bereich von Schemnitz, Kremnitz und Neusohl sind beispielsweisekunstvolle" Handsteine"( kleine künstliche Bergwerke als barocke Tafelaufsätze, aus Erzenund Mineralien zusammengesetzt) bekannt," Herrengrunder Kupfergefäße"( in Neusohl gefer-tigte vergoldete Kupferbecher und dergl.) zählen zu den bergbauhistorische Raritäten. Vordiesem Hintergrund und in dieser Tradition sind auch die Geduldflaschen entstanden, in derenliebevoll zusammengefügten Inhalt sich die Arbeitswelt und das soziale Umfeld der Knappenwiderspiegeln.
2.9 Schemnitzer Flaschen im 20. Jahrhundert
Die Tradition der bergmännischen Eingerichte wurde in Schemnitz( Banská Štiavnica in derheutigen Slowakei) durch die Arbeiten der Bergmannsfamilie Cerven( Červeň, Cserven) fort-geführt. Jozef Cerven( 1861-1932) ist mit charakteristischen Arbeiten seit ca. 1910 bis in seinTodesjahr bekannt, seine Tochter Terézia Šimonová, geb. Cerven( 1899- 1992) 23 mit Arbei-ten aus 1972-1982, sein Sohn Vojtech Cerven( 1913- 1986) 23 mit Flaschen aus 1971 und
1982.
Jozef Cerven, der neun Jahre in Schemnitz als Bergmann gearbeitet hatte, erlitt zwei schwe-re Unfälle und lebte sodann von einer kleinen Rente und dem Verkauf diverser Schnitzarbei-ten. Er stellte etwa ab 1910 gewerbsmäßig Bergbauflaschen, aber auch mechanische Berg-werksmodelle, Krippen u.a.m. her. Die meisten seiner Flaschen baute er in den Jahren zwi-
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