Vorwort
Das Österreichische Museum für Volkskunde besitzt eine ansehnliche Sammlung an Zeug-nissen bergmännischer Kultur.
Anläßlich einer" Bergbauhistorischen Zusammenkunft" in Wien konnte 1958 ein Teil dieserSammlung vor Fachleuten präsentiert und im Anschluß daran von Leopold Schmidt in den" Leobener Grünen Heften" katalogmäßig erfaßt und kommentiert werden.( 1) LeopoldSchmidt unternimmt dabei den Versuch, so unterschiedliche Dinge wie die bergmännischenStandeszeichen, die Berghäckel, Grubenlampen, Lithographien mit Darstellungen oberungari-scher Bergleute in Bergmannstracht, bergmännische Genrefiguren aus Holz und Terrakotta,Zeugnisse bergmännischer Heiligenverehrung und Fömmigkeit in Form von Andachtsbildern,Flugblattliedern, Heiligenfiguren, Hinterglasbildern und Votivtafeln, dazu Wildensteiner Ke-ramikkrüge, Gesteinsstufen, Bergwerksmodelle unter dem Begriff einer" Volkskunst der Berg-leute" zusammenzufassen. Diese Kategorisierung ist sicher problematisch, weil hier Produkteindustrieller Fertigung mit Erzeugnissen, die von den Bergleuten in ihrer Freizeit selbst herge-stellt wurden, vermengt werden.
Immerhin konnte durch diese Ausstellung aber deutlich gemacht werden, daß neben derbäuerlichen Volkskultur, der ja überwiegend das Interesse volkskundlicher Sammlungen gilt,auch eine eigenständige Kultur der Bergleute existiert.
In diesem Zusammenhang sei etwa auf die Weihnachtskrippen verwiesen, die besonders inBergbaugebieten anzutreffen sind. Typische Produkte bergmännischer Kunstfertigkeit stellenauch die Bergwerksflaschen dar. In ihnen verbindet sich naive Schnitzkunst mit technischerRaffinesse. Sie zählen seit Jahren zu den beliebtesten Sammelobjekten und es nimmt dahernicht wunder, daß sich auch im Österreichischen Museum für Volkskunde zwei derartige Ein-gerichtflaschen befinden. In dem genannten Katalog von Leopold Schmidt wird allerdingsnoch Hallstatt als Herkunftsgebiet angegeben. Otto Fitz und Peter Huber können anhand ihresVergleichsmaterials jedoch feststellen, daß die beiden Flaschen aus dem slowakischen Berg-baurevier stammen.
In jahrelanger Forschungsarbeit in sämtlichen in Frage kommenden Bergbaugebieten derehemaligen österreichisch- ungarischen Monarchie und Deutschlands konnten die beiden Ex-perten in öffentlichen und privaten Sammlungen an die 140 bergmännische Geduldflaschendokumentieren. Sie schufen damit eine Grundlage, die es nun erstmals möglich macht, eineTypisierung und regionale Zuordnung vorzunehmen.
Die Direktion des Österreichischen Museums für Volkskunde ergreift daher dankbar dieMöglichkeit, diese Arbeit in seine Reihe der Veröffentlichungen aufzunehmen, weil damit einebisher bestehende Lücke auf dem Gebiet bergmännischer Volkskunst geschlossen wird, undgleichzeitig die Arbeiten zur Bergbauvolkskunde in dieser Reihe fortgesetzt werden.( 2) Diereiche Bildausstattung macht diese Publikation zu einem unentbehrlichen Behelf bei der Be-stimmung von bergmännischen Geduldflaschen.
Dr. Franz Grieshofer
1) Leopold Schmidt, Volkskunst der Bergleute im alten Oesterreich- Ungarn. Mit einemKatalog der gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde.Montan- Verlag, Wien 1959(= Leobener Grüne Hefte, hg. v. Franz Kirnbauer, H. 39)2) Bergbauüberlieferungen und Bergbauprobleme in Österreich und seinem Umkreis. Fest-schrift für Franz Kirnbauer zum 75. Geburtstag. Hg. von Gerhard Heilfurth und LeopoldSchmidt, Wien 1975(= Veröffentl. des Österr. Museums für Volkskunde, Bd. XVI)
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