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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
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weltlicher Zug. Eine Gruppe von Mädchen, die große Fruchtkörbe trugen, wurde derProzession angeschlossen. Die Händler am Markt machten mit dem Obstverkauf ihrgroßes Geschäft und daraus wurde der volkstümliche Name Birnsunnta". Ab 1900war es auch üblich, zu diesem Fest größere Ausstellungen zu veranstalten. Am Nachmittaggab es immer ein Volksfest mit Dudelsackmusik, Trachtenaufzügen und Veranstaltungender Schützenkompagnien( Abb. 36).

Ihre Kirmes" feierten die Mährer und Schlesier im Oktober in ihrem LinzerStammgasthof mit richtigen Kirmes- Streuselkuchen, mit Lied und Tanz. 563) Schon 1955hatte der Verband der Südmährer einen Kirtag gefeiert, wie's daheim war", mit Blasmusikund Kirtagstriezel. 564)

Am zweiten Sonntag im Oktober feiern auch die Gablonzer in Enns, die durchBeruf und Siedlung eine feste Gemeinschaft werden konnten, ihr traditionelles Kirchweih-fest. 565) Dabei darf das überlieferte Hahnschlagen" nicht fehlen. Statt einesHahnes wird ein Tontopf gewählt, auf den ein Bursche mit verbundenen Augen mittelseines Dreschflegels einschlagen soll. Trifft er den Topf, so geht er als Sieger hervor undbekommt dafür den in einer Steign"( lose gefügte Holzkiste) bereitgestellten Hahn, mußaber die Zeche für alle Burschen an diesem Abend zahlen. Die Kosten für diese Volks-belustigung werden durch Einsatzgelder, die die Burschen entrichten müssen, bestritten.

In dieser Form wurde der Brauch einst auch in Nordböhmen, im Angeltal, in Süd-mähren und im angrenzenden Niederösterreich geübt. 566) Diese alte Form des Hahn-schlagens" hatte in Ostböhmen eine Parallele, das Bockstürzen oder Stärkopfen". Dawurde einem alten Widder( Stär) der Prozeß gemacht und er wurde geköpft, wenn nichtim letzten Augenblick eine Begnadigung erfolgte. 567)

Ein sehr altertümlicher Zug der Kirchweihbräuche im Sudetenland sei noch aus der Podersamer Gegend" angefügt: Dort holten die Burschen die Mädchen schon nach demHochamt zum Tanzboden ab. Dafür erhielten sie von den Mädchen ein Rosmarin-sträußchen angesteckt. Auf dem Tanzboden wurde die goldene Stunde gefeiert.Man tanzte zu Ehren der Verstorbenen so lange, als eine Kerze brannte. 568)

Herbst

Im Herbst, am Sonntag nach Martini, war einst auch in Wermesch in Nord-siebenbürgen Kirchweih. Diesen Termin behielt man in der Siebenbürger Siedlung in Traunbei und feiert heute noch die Wermescher Kirchweih. Man nimmt am Festgottesdienstin der Kirche gemeinsam teil. Dieser entspricht einem Erntegottesdienst. 569) Die Trachten-musikkapelle spielt alte Lieder und Weisen und die Jugend feiert das Fest mit fröhlichemTanz.

Die Donauschwaben feiern Jahr für Jahr ihr Kirchweihfest. Im Lager Haid ist diesbis zur Gegenwart so geblieben. Im Lager Niedernhart( 65) und Bindermichel( 63) wurdedie Kirchweih so wie zu Hause gefeiert, solange eben eine Musikkapelle in denLagern bestand. Der Termin für sie war der 15. August, der Tag Mariae Himmelfahrt.Diese Freßkirchweih" 570) wie man sie schon früher spöttisch nannte, bringt heute noch568) Die Brücke", Folge 41, 13. Okt. 1956.

564) Die Brücke", Folge 43, 29. Okt. 1955.565) H. Bergmann, Enns, 1962.

566) J. Blau, Huhn und Ei in Sprache, Brauch und Glauben des Volkes im oberen Angeltal( Z. f. ö. Vk., Jg. VIII, 1902, S. 178).

R. Eder, Volkstümliche Überlieferungen aus Nordböhmen( Z. f. ö. Vk., Jg. XII, 1906, S. 214) und

Z. f. ö. Vk., II. Jg., S. 315, V. Jg., S. 116, XVII. Jg., S. 217, XXIV. Jg., S. 109.

567) Starköpfen im Schönhengstgau, Z. f. ö. Vk., Jg. XII, S. 84, und Z. f. ö. Vk., Jg. XXIV, S. 108.J. Hanika, wie 92, S. 20.

568) J. Hanika, wie 92, S. 15.

569) F. F. Fronius, wie 345, S. 143.

570) J. H. Schwicker, Die Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen(= Die Völker Österreich-Ungarns, Bd. III), Wien 1881, S. 378.

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