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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
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weihen läßt, und hernach im Haus gegen allerlei Unheil aufbewahrt. Wegen der Heilkraft,die die Pflanze auszeichnen soll, gilt sie allgemein als Abwehr- oder Heilkraut 541)( Abb. 27, 28).

In manchen Orten Böhmens machte man aus den Birkenreisern Kränzchen vomUmfang eines Armbandes. Diese wurden dann an den freien Angeln der Winterfenstergehängt und sollten das Einschlagen verhüten" 542).

Diesen alten Überlieferungen steht als Besonderheit die Tatsache gegenüber, daß inder Bukowina die öffentlichen religiösen Feste aus Rücksicht auf die andersgläubigeNachbarschaft, erst spät gestattet wurden. So wurde z. B. in Czernowitz erst 1817 dasFronleichnamsfest öffentlich begangen. 543)

Zurück zu unserem Bericht aus den Lagern: Sofort nach der Andacht beim Altarbeginnen sich die Prozessionsteilnehmer um geweihte Kranzerln, Blumen und Grün vomAltar zu bemühen. Mit diesen geht man in die Baracken und versorgt sie hier, um seinHeim vor Blitz, Unglück und Ungeziefer zu schützen. 544) Diese Sitte ist alt und wirdaus allen ehemaligen Siedlungsbereichen mitgeteilt. In Westböhmen z. B. suchte jederbeim Zerreißen der Altäre, die an Toren und Wänden errichtet worden waren, einerecht lange Birkenrute zu erobern. Der Geistliche hatte auch da kaum dem Altar denRücken zugewendet, als schon das Niederreißen desselben begann. Das zunächststehendeVolks jeden Alters und jeden Geschlechts, das auf diesen Augenblick schon gelauerthatte, stürzt sich wie besessen auf die den Altar schmückenden Birken. Nicht selten wurdedabei gerauft. Diese Birkenrute wurde ins Flachsfeld gesteckt, damit die Frucht ebensolang werde wie das Reis 542)( Abb. 29, 30, 31, 32, 33).

Danach hörte man im Lager noch eine Weile Musik. In jeder Familie wird sodannzum Festessen gerüstet, das ja bei keinem echten Volksfest fehlen darf.

Sommer

Mit dem 24. Juni, dem Johannistag oder dem Sonnwendtag, erreicht die Sonne ihrenhöchsten Stand. Es ist der längste Tag und die kürzeste Nacht. Dieser Termin findet imVolksleben seine besondere Beachtung. Fast in allen deutschen Ländern werden beiAnbruch der Dämmerung Johannisfeuer angeschürt. Dazu hatten Knaben undMädchen Holz, Reisig und alte Besen zusammengeholt und auf eine Anhöhe gefahren.Um eine hohe harzreiche Fichte, deren Wipfel bunt geschmückt wurde, lagerte man nundas Brennbare. Bei Anbruch der Nacht wurde der Holzstoß entzündet, danach wurdenBesen und Wagenräder in Brand gesteckt und den Berg hinuntergerollt. Dann aberversammelte sich die Jugend um das niedergebrannte Feuer und umtanzte es. Das warin Böhmen, in Ungarn, in der Zips und in der Bukowina so Brauch. 545) Auch in denStädten wurden solche Johannisfeuer abgebrannt. Aus Eger wurden sie schon im Jahre1505 erwähnt 546). Im Kremnitzer Gebiet wurde ein Johannesbaum" angezündet 547).Beim Sonnwendfest der Holzbauern in Theresienthal, ehemalige Slowakei, wurden vonBuben brennende Buchenholzscheiben beim Feuer entzündet und glühend zu Tal

541) E. Hoffmann- Krayer u. Bächtold- Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aber-glaubens, 1934/35, Bd. VI, Sp. 1, 2.

542) J. Blau, Flachsbau und Flachsverwertung in der Rothenbaumer Gegend( Z. f. ö. Vk., 1899,S. 197).

543) J. Lehner, Buchenland, 150 Jahre Deutschtum in der Bukowina, München 1961, S. 245 ff.544) Diese Meinung ist in Syrmien verbreitet.

545) G. Laube, wie 329, S. 40.

J. H. Schwicker, Die Deutschen in Ungarn( Die nordungarischen Deutschen, S. 302).

F. Lang, Buchenland, 150 Jahre, wie 543.

546) A. John, Sitte, Brauch und Volksglauben im deutschen Westböhmen, Reichenberg 1924, S. 84.547) H. Wolf- Beranek, wie 36, S. 272- 280.

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