Der Palmsonntag mit der Palmenweihe, am Beginn des großen Osterfest-kreises, war ein großes religiöses Fest, das in allen deutschen Siedlungen mit Würdegehalten wurde. Die zu weihenden Palmbuschen hatten verschiedenes Aussehen. Aus demBanat wurde bekannt, daß der Palmbuschen nur ein Strauß von Salweidezweigen war. 439)Im Ostkarpatengebiet war es Brauch, daß jeder, der aus der Kirche ging, nur ein Palmreistrug. 440) Im Egerland wurden die Palmbuschen aus Birkenlaub, Weiden- und Haselzweigengestaltet. Vor der Weihe wurden die Zweige mit einer Peitschenschnur zusammengebunden.An der Spitze der Salweidezweige band man eine rote Schleife. 441) Der Palmbuschenin Westböhmen wurde mit mehr Zutaten gebunden. So verwendete man zu den Weiden-kätzchen gegendweise auch Zweige von Tannen, Fichten, Birken, Hasel, Stachelbeeren undJohannisbeeren, vereinzelt auch Pimpernuß und Traubenkirsche. Von letzteren erhoffteman sich besondere magische Wirkung. 442)
In den donauschwäbischen Lagern um Linz waren die Palmbuschen Sträuße ausPalmkätzchen, die mit einem Band zusammengebunden waren. Die Gläubigen, vor allemKinder, nahmen an der Palmweihe in großer Zahl teil.
In den letzten Jahren veränderte sich das Aussehen, man beschaffte sich„ Palm-besen", wie sie in Linz üblich sind. Da wird zu den Weidenzweigen auch Segenbaumund Buchsbaum gebunden, in Efeublätter gerollt und auf einem Holzstock mit Haselbastfestgebunden. Die einzelnen Palmkätzchenzweige werden mit Maschen aus bunten Woll-fäden geziert. Sie werden so fertig gebunden und geschmückt in den Häusern undBaracken zum Kauf angeboten.
Die Palmzweige, die einst Zeichen der Verehrung des Volkes beim Einzug Christiin Jerusalem waren, ersetzen hier die Zweige und Blüten der Salweide. Mit dem gläubigenSinn verbindet sich die uralte Vorstellung vom Segen der nun keimenden, blühendenNatur. Geweiht, finden sie sich heute wie ehedem hinter Heiligenbildern, im Herrgotts-winkel. Daheim steckte man sie auch in Ställe, Scheunen und unters Dach 443, auf Gräber,an den Zaun, in den Mist und auf vier Ecken der Felder. 444) Dies geschah unter Abbeteneines Vaterunsers. 448) Es ist ein allgemein geübter Volksglaube, bei Ungewitter etwasdavon zu verbrennen oder gegen Halsweh einige geweihte„ Kätzchen" zu schlucken. Ausdem Ostkarpatenraum wird von einem Brauch berichtet, der die fruchtbarkeitsförderndeKraft, die man diesen Zweigen, die ganz zeitlich im Jahr blühen, zuschreibt, noch weiterbetont: beim Rückweg aus der Kirche schlug jedermann die ihm begegnenden Bekanntenund rief dabei die Worte:„ Der Zweig schlägt, nicht ich, in einer Woche sind dieOstern da!" 445)
Viele dieser Bräuche in der Karwoche und im Osterfestkreis sind kirchlicherHerkunft. Ihre Erscheinungsformen werden von der Kirche bestimmt und sind wandelbar.Gerade bei den Osterbräuchen mit ihren verschiedenen Benediktionen des Wassers,der Eier, des Fleisches u. a. m. erscheinen schon immer Religion und Natur als ganze,untrennbare Einheit. Geweihte Weidenkätzchen, geweihte Holzasche, angekohlte Holz-scheiteln, geweihte Kohle vom Karsamstag und geweihtes Wasser künden davon.
Grablegung und Auferstehung in der alten Heimat gehörten zu derErinnerung an prächtige kirchliche Feierlichkeiten im gesamten Südosten. Sie entsprachenimmer noch den Schilderungen aus der Barockzeit. Aus Temeschvar446) wissen wir,
439) F. Behr, Werschetz, jetzt Lager Haid.
M. Gratz, Banat, jetzt Siedlung Langholzfeld.
440) R. Kaind 1, Beiträge zur Volkskunde des Ostkarpatengebietes( Z. f. ö. Vk., Jg. VIII, S. 244).441) Egerland- Jugend, wie 332.
442) G. Schmidt, Palmsonntagszweige in Westböhmen( Z. f. ö. Vk., XV. Jg., 1909, S. 153).
448) Handbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums, wie 19, Bd. I, S. 244.
444) Wie 437.
445) R. Kaind 1, wie 432, S. 234.
446) K. Juhasz, wie 381, S. 191.
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