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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
Entstehung
Seite
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VI.

Alte und neue Gemeinschaften

Den Ursprung aller Volkskultur suchen wir in den natürlichen Gemeinschaften einesVolkes. Deshalb sei diesem Kapitel eine allgemeine Formulierung des Begriffes Gemein-schaft" vorangestellt, die den Verlust wie die Schwierigkeit der Erstellung und des lang-samen Wachsens neuer Gemeinschaften in ihrer Tragweite beleuchten helfen möge.

Bei allen Gemeinschaften, wie beispielsweise die kleinste, das Haus eine darstellt,bis zu den kompliziertesten, vielschichtigen, etwa das Volk, handelt es sich zunächst umkulturell geprägte Gebilde, die im eigentümlichen Zustand der Unbewußtheit" empfangenoder gelebt werden. Die lebensgesetzlichen Gemeinschaften sind mehr natürlich gewachsenals zweckhaft geschaffen und haben die Aufgaben, die ihnen eigentümlich zugewiesensind, zu erfüllen. 70) Dies erkennen wir im Bauernhaus, das durch seine Menschen und diegelenkte Arbeit nahezu zu einem Organismus wird, in dem die einzelnen Glieder zugemes-sene Arbeit, Verpflichtung und ihren bestimmten Wert haben. Das Wesen dieser Gemein-schaft ist durch Sitte gestaltet, für uns erkennbar und erklärbar aus dem Zusammenspielgeistiger und biologischer Gegebenheiten. Die Gemeinde, die nächst höhere Einheit, bautsich aus der Mehrzahl solcher Hausgemeinschaften, die wieder untereinander in Nach-barschaften zusammengefaßt sind, auf. Ihnen allen ist die gleiche natürlich- organischeGrundlage eigen. 71)

Die Kriegs- und Nachkriegszeit hat die Gemeinschaften der Volksdeutschen allerGebiete zunächst gründlich zerschlagen. Selbst die kleinste Einheit, das Haus, dieFamilie wurde zerrissen. Die Zusammenführung der Familien stellt noch heute einProblem dar. Es galt und gilt daher auch bis zur Gegenwart, diese Einheiten wiederaufzubauen. Das Haus ging verloren, die Nachbarschaft konnte unter veränderten Vor-aussetzungen manchmal weiter bestehen bleiben, oftmals zog aber die Wanderung auchihren Verlust, wie den der Gemeinde, nach sich. Nicht anders verhält es sich mitJugend- und Altersklassen, Berufsverbänden in Stadt und Land. Die Tatsache des nahezuvölligen Verlustes jeglich organisch gewachsenen Gemeinschaft empfindet die ältereGeneration als besonders tragisch. Deshalb setzt bei ihr das Suchen nach deralten Gemeinschaft ein und alle Feste und Bräuche, die diesem Ziele dienen,werden von der älteren und mittleren Generation getragen. Neue Gemeinschaften, teil-weise unter Druck, in Not und Elend entstanden, 72) verlieren ihre Wichtigkeit mit derBesserung der allgemeinen Lage. Was nun entsteht, ist vielfach neue Gemeinschaft inSiedlungen, Gemeinschaft der Jugend. Es nimmt nicht wunder, daß es die Gruppen dervolksbewußten Volksdeutschen sind, die nach manchen Kämpfen in ihren neuen Siedlun-gen ein festes Gefüge aufweisen. Als Beispiel sei hier Neu- Ruma mit dem Vater der Sied-lung, Tischlermeister Stefan Moser, erwähnt, für den all die öffentlichen Fragen heutenoch ein Herzensanliegn sind. 78) Noch weiter scheint die Entwicklung in der ganz in derNähe gelegenen Siedlung der Siebenbürger gediehen zu sein. Hier konnte sich auf über-

70) L. Schmidt, Handbuch der Geisteswissenschaften, Bd. I, Wien 1948, S. 9 ff.71) H. Koren, Volkskunde in der Gegenwart, Graz 1952, S. 23 ff.

72) In Vernichtungslager, Verschleppungszentren in Rußland, Massenlagern in Österreich undDeutschland.78) wie 63)..

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