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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
Entstehung
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V.

Die Siedlungen

Die Zeit von 1944/45 bis 1950 ist gekennzeichnet durch die Ungewißheit, ob dieFlüchtlinge auf österreichischem Staatsgebiet bleiben oder weiterwandern würden. DieseWeiterwanderung war für ein Drittel von ihnen, also rund 100.000 Personen vorgesehen.Als die Alliierten aber merkten, welcher Menschenstrom sich nach Deutschland ergoẞ,sperrten sie die deutsch- österreichische Grenze. Erst der Flüchtlingskongreß der Oekumeneschaffte Klarheit und brachte die Seßhaftmachung der Flüchtlinge in Österreich.

Die Volksdeutschen, die in den vergangenen zwölf Jahren in Österreich beruflichFuß fassen konnten und die Absicht hegen, im Lande zu bleiben, haben vielfach dasgleiche Ziel: Geld verdienen zum täglichen Unterhalt, die Barackenwohnung vertauschenmit Eigenheim, dieses praktisch und schön auszustatten, einen Garten anzulegen undwomöglich Geflügel und Kleintiere zu halten. Vielen von ihnen ist dies gelungen, zumaldort, wo mehrere Mitglieder einer Familie Geld verdienen. Weite Gebiete vor den Torenvon Linz, entlang der Salzburger Reichsstraße, in der Welser Heide, wurden Siedelland.Allenthalben schießen kleine und stockhohe Häuser aus dem Boden und immer wiederfinden sich neue Baustellen. Die älteren Siedler, nach dem Zuzug der neuen befragt, wissenkeine Auskunft mehr zu geben. Fast alle haben die österreichische Staatsbürgerschaftangenommen, 61) so daß man kaum mehr feststellen kann, aus welchen Herkunftsländerndie Neusiedler stammen; auch die statistischen Angaben der Dörfer Traun, Pasching,Neubau etc. geben keine entsprechenden Hinweise. Jedenfalls dürften mit ziemlicherSicherheit 50% aller Siedler Volksdeutsche sein.( 2)

An die Spitze dieser Anstrengungen um ein Eigenheim sind die Siedlungen zu stellen,die aus eigener Kraft, ohne Inanspruchnahme fremder Hilfsmittel und ohne Vorfinanzie-rung entstanden. Ein Beispiel dafür ist die Siedlung Neu- Ruma" im Gemeindegebietvon Traun, die allein durch Nachbarschaftshilfe gebaut werden konnte. 63) Nur 20% derSiedlungen sudetendeutscher Siedler sind mit Hilfe von Genossenschaften errichtetworden, die übrigen aus eigener Kraft. 64)

Als man sich etwas Geld erarbeitet hatte und die Bedingungen zum Grundankauf inÖsterreich gegeben waren, entschloß man sich beispielsweise dazu, ein großes Grundstückgemeinsam zu erwerben. 65) Jeder Familie dieses Verbandes wurde darauf vorerst einNothaus errichtet. Dieses meist aus zwei Räumen bestehende, feste Gebäude, diente anfangsals Unterkunft und sollte später als Wirtschaftsgebäude Verwendung finden. Es wurdeschon gemeinsam mit Hilfe der Sippengemeinschaft aufgebaut. Erst nach Fertig-stellung aller Nothäuser schritt man an den Bau der eigentlichen Wohnhäuser. Architektenunter den Landsleuten stellten die Pläne kostenlos zur Verfügung. Nachbarn, Verwandteund Freunde stellten sich als Fach- und Hilfsarbeiter ein. Auch die Frauen griffen tüchtigzu. Als Gegenleistung gilt, daß der Bauherr mit seiner gesamten Familie( entsprechend

61) Im Zeitraum von 1945-1955 haben 21.000 Menschen in Linz die österreichische Staatsbürger-schaft erhalten. Vgl.( Die Brücke), wie 53, Folge 36, 10. Sept. 1955.

62) wie 5) S. 72.

63) H. Grünn, Donauschwäbische Siedlung Neu- Ruma" am Stadtrand von Linz( Jahrbuch der StadtLinz, 1955).

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64) H. Hager, Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

65) St. Moser, Neu- Ruma.