III.
Wandern und Seßhaftwerden
Abgesehen von den durch die Reichsregierung in den Jahren 1939 bis 1944 rück-geführten Deutschen aus der Ukraine, Wolhynien, Bessarabien, Bukowina, Dobrudschaund Bosnien, die vor der Beendigung des Krieges abgeschlossen war, konnte später voneiner planmäßigen Aussiedlung nicht mehr gesprochen werden. In einzelnen Gebietenkonnte während des Krieges die Evakuierung noch richtig vorbereitet werden 43), doch mitdem raschen Rückzug der Deutschen Wehrmacht, der durch den Abfall Rumäniens undBulgariens als Bundesgenossen Deutschlands eingeleitet wurde und die die südosteuro-päische Front eindrückte, begann die große Wanderung.
Manche der bäuerlichen Flüchtlinge statteten ihre Wagen mit Planen aus und konn-ten etwas Bettzeug, Kleider, Mundvorrat, wertvolle Samen und kleine Andenken mit sichbringen. Hausrat und Gerät blieben zurück. Auf schlechten Straßen begann die Fahrt, diewochenlang dauerte. So waren die Nordsiebenbürger zwei Monate unterwegs, wie bei-spielsweise der geschlossene Treck der„ Tschippendorfer", die am 19. September 1944 vonSiebenbürgen aufbrachen und am 16. November 1944 in Vorchdorf eintrafen 44). Diesemit Pferd und Wagen ankommenden, meist bäuerlichen Flüchtlingsgruppen wurden größ-tenteils bei Bauern in Österreich und Deutschland einquartiert( Abb. 1, 2).
Mit Lastautos, auf Eisenbahnwaggons, in Sonderzügen, mit leeren Lazarettzügenoder per Schiff mußten viele Städter, nur mit kleinem Gepäck, die Heimat verlassen. DieGrenzbevölkerung der Sudetenländer suchte die Freiheit, oft unter dramatischen Umstän-den, zu Fuß, das nackte Leben rettend.
Der Vorstoß der Russen nach Ostdeutschland brachte für die in Schlesien und inden sudetendeutschen Gebieten vorübergehend zur Ruhe gekommenen Volksdeutschendes Südostens neue Bewegung. Viele flüchteten abermals vor den anrückenden Russen indie angrenzenden Gebiete oder nach Österreich, speziell nach Oberösterreich.
In diesem Zustand der Bewegung befanden sich die Flüchtlinge beim Zeitpunkt derKapitulation am 8. Mai 1945. Noch kannte man zu diesem Zeitpunkt die genauen Ab-machungen der Siegerstaaten nicht, deshalb war das Schicksal der Flüchtlinge ungewiß.Die Folge davon war Unentschlossenheit in ihrem Handeln. Viele wollten nicht daranglauben, daß durch die Niederlage Deutschlands die Rückkehr in die Heimat unmöglichwerden sollte. Erst das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 brachte die Gewiß-heit, daß die Heimat verloren war. Trotzdem versuchten viele mit Erlaubnis der Alliiertenaus Deutschland in ihre Heimat zurückzukehren 45). Den Flüchtlingen blieb der schwacheTrost, daß denen, die zu Hause geblieben waren, ein noch weit schwereres Schicksal auf-gebürdet wurde. Vernichtung in Hungerlagern, Verschleppung und Mißhandlung bis zurspäteren Ausweisung wurde ihr Los.
43) Z. B. Kroatien. Dort war die Evakuierung in Zusammenarbeit mit Volksgruppe, Militär und Polizeibis ins Kleinste vorbereitet. St. Rettig, wie Anm. 3.
44) O.Folberth, Treckführer werden zu Kirchengründern, Sonderdruck aus Nr. 3, 4, der Viertel-jahresschrift Österreichs Begegnung“, Wien 1960, S. 16. Vgl. jetzt J. Stierl, Wermesch, ein Dorfin Siebenbürgen. Traun 1963( vervielfältigt).
45) Besonders Jugoslawien. Einigen Volksdeutschen gelang der Übertritt über die steirisch- kärntnerischeGrenze nach Jugoslawien. Ihr Schicksal ist ungewiß. Die nachfolgenden Transporte wurden oft nur über dieGrenze geschoben, beraubt und wieder zurückgeschickt.
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