Nachrichten über die Ansiedlung deutscher Bauern sind vom 12. Jahrhundert an vor-handen.
Von größter Bedeutung war auch die Entstehung eines deutschen Städtewesens imSudetenraum. Diese deutschen Städte wurden von den Landesfürsten eifrig gefördert, dennsie hatten bald ihre große Bedeutung für das Wirtschaftsleben erkannt und konnten außer-dem im Kriegsfall meist mit ihrer Hilfe rechnen. Viele der Städte sind direkte planmäßigeGründungen, andere entwickelten sich neben einer bestehenden Siedlung, Burg o. ä. Plan-mäßig erfolgten die Städtegründungen vor allem im nördlichen und östlichen Grenz-bereich, als der Angriff der Tartaren erwartet wurde( 1241). In ihrer gesamten Strukturzeigt die Stadt im böhmisch- mährischen Raum große Ähnlichkeit mit den Städten imMutterland der Siedler 28).
Siedlungen von besonderer Bedeutung waren die durch die Zuwanderung deutscherBergleute entstandenen Bergstädte. Dazu zählen u. a. Iglau, Kuttenberg, Kolin undDeutschbrod. Das Iglauer Bergrecht steht in engem Zusammenhang mit dem von Freibergin Sachsen.
Für den sudetendeutschen Siedlungsraum ist die ausgeprägte Randlage der volks-deutschen Siedlung in Böhmen und Mähren bezeichnend. Aus den an Böhmen und Mäh-ren angrenzenden alten deutschen Siedlungsgebieten drangen die Siedler in die großenWälder der Randgebirge ein. Diese Besiedlung, die im großen Zuge der mittelalterlichenOstkolonisation erfolgte, brachte eine ringförmige, geschlossene Ausbreitung des deut-schen Volkstums. Der geographische Zusammenhang mit dem alten Mutterland blieb da-bei erhalten.
Im Spätmittelalter war das Deutschtum in Böhmen und Mähren dann schweren Be-lastungen ausgesetzt. Die nationaltschechische Revolution( Johann Hus) mit dem Sturmauf das Prager Rathaus( Juli 1419) leitete eine Zeit der Unterdrückung ein. Die Hussiten-kriege zerstörten Dörfer und Städte und führten somit eine zahlenmäßige wie wirtschaft-liche Schwächung herbei. Mit der Freiheit der deutschen Bauern war es zu Ende. Das för-derte die starke Randlage noch mehr. Sprachinseln hielten sich als Reste einer einst groß-räumigeren Besiedlung 29).
Im 16. Jahrhundert kam die Angliederung Böhmens an den Machtbereich der Habs-burger wieder dem Sudetendeutschtum zugute. Es erfolgte eine Periode neuer Städtegrün-dungen. Hämmer und Hüttenwerke wurden errichtet. Das war die zweite große Einwan-derungswelle von Deutschen. Adelige, Bergleute, Handwerker und schließlich protestan-tische Geistliche kamen ins Land. Die neue Siedelbewegung reichte allerdings in ihrerAuswirkung nicht an die erste heran 30).
Die Lage des Deutschtums gestaltete sich sodann im 17., 18. Jahrhundert zunehmendbesser. Immer noch kamen Siedler ins Land, entstanden neue Siedlungen, oft ganze Dör-fer, namentlich im Gebirge, in der Holzwirtschaft, bei Hammerwerken und Glashütten 31).Im 19. Jahrhundert kam diese Entwicklung zunächst zum Stillstand und nahm schließ-lich rückläufige Tendenz an, als sich im 20. Jahrhundert das Verhältnis zwischen Tsche-chen und Deutschen zunehmend verschlechterte.
Die Erhaltung dieses deutschen Siedlerlandes vom Mittelalter bis 1945 konnte auchhier bildend und formend auf den Menschen wirken. Im Sudetendeutschen erkennen wireinen wendigen, geschäftstüchtigen Menschen, der in schlimmsten Lagen einen Auswegsuchte und ihn auf Grund seiner Tüchtigkeit auch fand; wir bewundern die hohe Kultur-
28) So ist das Recht der Altstadt Prag von Eger beeinflußt, dieses wieder stand mit Nürnberg in Ver-bindung. Ausgedehnte Geltung hatte das Magdeburger Recht erlangt, das Stadtrecht von Brünn und Wienstanden in Zusammenhang u. a. m.
8
29) R. Kötschke u. W. Ebert: Geschichte der ostdeuschen Kolonisation, Leipzig 1937, S. 60 ff.30) ders. S. 113 ff.
31) ders. S. 144