Druckschrift 
Kleidung - Mode - Tracht : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1986 in Lienz
(Osttirol)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

durcheinander( 6). Herausgeber und Autoren nehmen keine falschenRücksichten auf die althergebrachte mentale Zweiteilung in Wissen-schaft und Anwendung, Theorie und Praxis, Folklore und Folkloris-mus. Probleme und Fakten sind nämlich nicht einfach trennbar, son-dern sie bedingen einander wechselseitig.

Damit bin ich bei der zweiten vorauszusetzenden eigenen Studie die-ser Tage. Dort geht es mir um die Kritik eines speziellen For-schungsgegenstandes, nämlich des" Trachten folklorismus", so der Ti-tel des Aufsatzes in der Festschrift Bausinger( 7), der auf Er-kenntnissen der Vorarbeiten für unsere Würzburger Ausstellung ba-siert über" Wunschbilder und Wirklichkeit" des Volkslebens im 19.Jahrhundert am Beispiel Frankens( 8). Dort ging es insbesondere umden Biedermeier- und Gründerzeit- Folklorismus königlich- baye-rischer Trachtenpolitik. Inzwischen hat uns der Wiener Sozialhisto-riker Roman Sandgruber für den neuen Band des" Jahrbuchs fürVolkskunde" seinen Würzburger Vortrag über" Die bäuerliche Ge-sellschaft Österreichs im 19. Jahrhundert im Spiegel der Alltagsge-schichte" zum Druck überlassen. Er formuliert aus ähnlichenÜberlegungen heraus:" Wenn ein Dichter Bauern in die Öffentlich-keit führen will, so sagt Rosegger..., so müssen es echte Bauernsein, aber das Sonntagsgewand sollen sie anhaben. Ausnahme höch-stens für solche, die gar kein Sonntagsgewand haben. Alle Bauernhaben ein Sonntagsgewand. Also müssen wir es ihnen auch bei Ros-egger ausziehen"( 9). Ich fordere nun: Wenn wir über Folklorismusreden, dann müssen wir die Frage nach Herkunft und Geisteshaltungstellen, die im 19. Jahrhundert zu diesem Phänomen geführt hat,und wir müssen seine Denk- und Erlebnisstruktur im Zusammenhangder übrigen, vor allem aber der verwandten Zeitgeisttendenzen sehenlernen. Dafür habe ich zwei Thesen formuliert und ausführlich be-gründet.

1. Der Trachtenfolklorismus ist weder ein bloßes Spätzeitproduktder modernen Kulturindustrie, noch ist er ein quasi zeitloses Ele-ment aller nostalgischen Rückgriffsversuche in der Geschichte, son-dern der Trachtenfolklorismus ist von seinem Beginn in der erstenHälfte des 19. Jahrhunderts an ein Teilbereich des im öffentlichenBewußtsein und das heißt vor allem im Aufzugswesen sich ausbilden-den Historismus. Darum gehen historische Kostümierung und Trach-teneinkleidung stets und bis heute Hand in Hand. Nur so gelingtauch die Adelung des Faschingsgewandes der einst fürstlichen Bau-ernhochzeiten und späteren bürgerlichen Bauernbälle zu nationalenund regionalen Emblematisierungen. Trachten werden zu Uniformen.Wilhelm Heinrich Riehl hat diesen Begriff genau zum Zeitpunkt derVollendung dieses Prozesses kurz nach der 48er Revolution so in sei-nem berühmten Trachtenkapitel des Pfälzer- Buches gebraucht und

18