Druckschrift 
Heinrich Bebels Schwänke. zum l. Male in vollst. Übertr. hrsg. von Albert Wesselski
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Cent&

1920

BCL. 39

Ostergelächter und Oster- märleine die Worte des auf den Oſtermontag fallenden Judas den Herrn verriet, erzählt Johann Georg Müller

Cyril 1926

märlein.

Von Dr. D. V. Ludwig, Klosterneuburg.

Es gilt wohl feine kirchliche Festzeit, die so tief dasBolksleben des von dem Bewußtsein der Erlösungstatförmlich durchtränften Mittelalters beeinflußt hat wie dieösterliche Zeit. Die innige Freude über den errungenenSieg des Erlösers machte sich in der Zeit von Ostern biszum Weizen Sonntag in einem überschäumenden JubelLuft, der ungestüm der Volksseele entstieg. Die mannigfachen, oft tiefsinnig symbolischen Osterbräuche inmanchen Resten bis heute noch erhalten sind ein Beweishiefür. Es war dem mittelalterlichen Volfe in seiner naivenEmpfindungsweise selbstverständlich, das Ende derschweren, an strengen Busübungen reichen Fastenzeit mitviel Lärm und ausgelassener Lustigkeit zu begrüßen undden Ostergedanken in seiner Art zu feiern, beispielsweisemit ausgiebigen Gelagen, possenhaften Gebräuchen, derjogenannten Prügelfreiheit an den zwei auf Osternfolgenden Tagen u. a. m.

Diefem Volksempfinden trug nun der Klerus Rech-mung, der, selbst aus dem Volfe hervorgegangen und imWolfe wurzelnd, sich nicht selten persönlich an den heiterenAusbrüchen der Osterfreude beteiligte. Seine besondereSabe aber waren die auf der Kanzel gelegentlich der Pre-digt zum besten gegebenen Ostermärlein; das warenSchwänke, heitere Fabeln und komische Erzählungen, diezunächst der Volksstimmung ein Ventil öffneten und zur

dem Risus

ber-

Betätigung von Heiterkeitsausbrüchenpaschalis- ,, Ostergelächter" führten, jedoch auch ge-wöhnlich eine moralische Nuzanwendung damitfnüpften. Diese Ostermärlein, ein hochinteressantes StüdKulturgeschichte, haben vielfache Kritik und wissenschaft-liche Untersuchungen bezüglich ihrer Herkunft ihres Wertes,ihrer Beziehungen zu den Osterspielen und den Predigt-märlein des Mittelalters gefunden; man erinnert sich nuran die um die Kulturgeschichte vielverdienten GelehrtenCruel. Zinsenmayer, Jansen, Pfeiffer, Schönbach u. a.Wir können in diesem engen Rohmen natürlich nichtnäher in die einzelnen Probleme dieser noch wenig beachteten fulturellen Erscheinungen eingehen, sondern wollennur in Kürze darauf hinweisen, daß man frühen teils ausTendenz, teils aus noch mangelhafter Kenntnis sich einfalsches Bild von diesen Predigt- und Ostermärleingemacht, dem geradezu köstlichen, schalkhaften Humormißdeutete und vielfach irrig beurteilt hat. Migbräucheund schwere Ausartungen, wie sie schon Trithemius 1486und Erasmus von Rotterdam geißeln und die neben abge-ichmackten und erotisch sehr anrüchigen Dingen in derOfterpredigt zum Ergößen eines derb empfindendenBublifums beliebt wurden, fönnen an der volkstümlichproftischen Nutzbarkeit mancher Märlein nichts ändern.

Manche, nehmen als äußere Veranlassung des Oster-Evangeliumtertes Et factum est, dum fabularentur,, und es geschah, während sie redeten"( Rufas, 24, 15) an,andere bringen dieses Ostergelächter mit altheidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  altheidnischenFestbräuchen in Verbindung. Wir werden aber wohl nichtirren, wenn wir die Mahnung Schönbachs, das Wesen derMenschen des Mittelaltera fönne immer nur aus demMittelalter selbst richtig verstanden werden, hier zur An-wendung bringen, und die Anfänge jener Osterfomif inderselben Volksnaivität suchen, die gewisse humorvoll an-mutende Gestalten und Aussprüche der Osterspiele ge-schaffen hat. Denn es kann sicher nicht geleugnet werden.daß sich in letzteren eine vielleicht anfangs nicht direktbeabsichtigte, später aber sicher auch bezweckte Komit nachweisen läßt, wie sich dies an der Figur des übertrumpftenTeufels und des Salbenhändlers zeigt. Ich möchte Anjäge zu dieser Komik auch bereits in den neu entdecktenKlosterneuburger Osterspiel finden und zwar an jenerStelle, wo sich die schwer gläubigen Apostel über die fürMännersinn nichts taugenden Erzählungen der Frauenlustig machen. Dann dort, wo dem Teufel auf seine Frage:Quis est iste rex gloriae? Wer ist dieser König derHerrlichfeit?" der Herr selbst die Psalmverse entgegen-donnert: Dominus fortis et potens Der mächtigeund starke Herr" usw.

Luthers Zeitgenosse, Johann Mathesius, erzählt voneinem solchen Ostermärlein, das er selbst in seiner Jugendnoch in der Kirche gehört habe. Ms der Sohn Gottes zurVorhölle kam und mit seinem Kreuz anklopfte, hätten zweiTeufel ihre langen Nasen als Riegel vorgestedt. Als aberChristus nochmals anklopfte, so daß die Tür in den An-geln mit Gewalt aufging, habe er den zwei Teufeln ihreNasen abgestoßen. Ein anderes Ostermärlein mit einemDominikaner Gabriel Barlett, ein berühmter Prediger,gewissermaßen lehrhaften Zug soll der, neapolitanischeon welchem der Volksmund fagte, wer nicht barletDasselbe lautet folgendermaßen: Es entstand ein Streittieren" fann, fann auch nicht predigen, erwähnt habendarüber, wer zur Mutter des Herrn gehen sollte, die vollzogene Auferstehung ihres Sohnes zu vermelden, wobeiAbel, Noe, Johannes der Täufer und der gute Schächerdas Wort ergriffen: Adam sagte: Mir kommt es zu, dennich war die Ursache des Uebels( der Sünde). Darauf ant-mortet Christus: Du issest Feigen und wirst dadurch aufdem Weg vermeilen. Dann meldet sich Abel zu der erwähnten Mission: Worauf Chriftus: Reineswegs, denndu könntest den Kain treffen, der dich ermorden würde.Hierauf Noe: Mir kommt es zu. Christus verweigert esihm: Du darfst nicht gehen, denn du trinkst gern. Dann er-flärt sich Johannes der Täufer hiezu bereit, welchemChristus sagt: O nein, denn du hast ein Kleid aus Kamel-haar( das heißt du bist nicht gut gekleidet). Schließlichbittet der gute Schächer, er möchte gehen. Auch ihm ver-weigert es Christus, indem er sagt: Du hast gebrocheneBeine. Es wird also schließlich ein Engel geschickt, welcherseine Botschaft mit dem Regina coeli laetare" Freudich o Himmelskönigin" anhebt.

Ein anderes Märlein über die Silberlinge, um dieauf Grund eines älteren Berichtes in seinen Denkwürdig-feiten. Danach wurden diese Münzen durch Thare, Abra-hams Vater, auf Nimrods Befehl, geschlagen; sie warendas erste gemünzte Geld, das man in der Welt hatte.Abraham erbte sie und kaufte dafür das Begräbnis zuHebron; die Israeliten fauften hiefür den Josef von seinenBrüdern. Dieser erhielt sie von seinen Brüdern für Kornund so famen sie in den föniglichen Schatz von Aegypten.Moses nahm sie mit auf seinem Zug nach Aethiopien undverehrte sie der Königin von Saba(?) als Hochzeitsgeschenk.Diese verehrte sie Salomon, als sie gekommen war, seineBracht und Herrlichkeit zu bewundern. Nebukadnezarnahm sie mit nach Babel und verehrte sie einem König inArabien, der in seinem Geleit war. Deffen Nachkommeneiner war bei dem Zuge der drei Weisen aus dem Morgen-lande Glossar ::: zum Glossareintrag lande, die den neugeborenen Messias begrüßten; ihmschenften sie auch die Silberlinge. Maria aber gab sie inden Tempelschap, von da erhielt sie Judas, und nach ihmzerstreuten sie sich in der ganzen Welt und wurden allent-halben als Reliquien gezeigt.

Inwieweit bezüglich der Ausartung der Ostermärleinauch die Vorwürfe und Anklagen berechtigt waren, lassenwir hier dahingestellt sein. Man erzählt da ganz wunder-liche Dinge: Mancher Prediger hätte das Geschrei derTiere nachgeahmt oder anstößige Schwänke, liederlicheBossen und obszöne Liebesgeschichten vorgebracht, um dasOstergelächter zur Auslösung zu bringen. Es dürfte ebenhier genau so gewesen sein wie bei der anfänglich sehr finn-vollen und lieblichen Sitte des Knabenbischofs, welcher amSt. Gregorstage nach dem vollzogenen Gottesdienst eineBredigt zu halten hatte, was später zu mancherlei tollemUnfug Anlaß geboten hat,

Die Ostermärlein hatten eine lange Lebensdauer, einBeichen ihrer großen Beliebtheit beim Volfe. Noch 17871774 im Augsburger Bistumwird in den Regensburger Diözesantonstitutionen undStellung genommen.gegen die Ostermärlein

Wenn wir heute über den Risus paschalis und seineBegleiterscheinungen uns selbst des Lächelns nicht ent-halten können, sollten wir dabei eingedent sein, daß sichermanche dieser Erscheinungen das natürlich- naive Volfbesser in den österlichen Festgedanken eingeführt hat alsmanche Bolterpredigt oder Zuckerwasser- Rhetorik vonheute.