Susanne Breuss
der Interpretation ,, ununterbrochen von Liebe und Fruchtbarkeit sprechenund die eventuellen Brauchelemente, die sich aus dem Komplex Hochzeitherausheben lassen, nach dieser Richtung beleuchten"( Schmidt 1976,45), hat sich die österreichische Volkskunde fast ausschließlich an die,, sauberen“ Seiten von Liebe und Ehe herangewagt, Sexualität war und istkaum ein Thema. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Friedrich SalomoKrauss, der als führender Repräsentant der österreichischen Schule derethnographisch- folkloristisch begründeten Sittengeschichte und Sexual-wissenschaft( Martischnig 1989, 25) immer wieder wegen angeblicherPornographie angeklagt wurde und der mit der Erfassung erotischer undskatologischer Überlieferungen gegen die„ postromantische Idee von derheilen Volksseele und dem blütenreinen Volksgeist“( Daxelmüller 1994,464) verstieẞ. Während Sigmund Freud Krauss' volkskundlichen Beitragzur Erforschung der Sexualität für bedeutsam ansah, verhielt sich dieVolkskunde bis in die jüngste Vergangenheit weitgehend ablehnend, so-wohl Krauss als auch dem Thema Sexualität gegenüber. Die Probleme derVolkskunde mit der Sexualität spiegeln sich noch in neueren Publikationen,wenn es zum Beispiel der Autor eines Beitrages über Die Ambivalenz inder Beurteilung sexueller Verhaltensweisen im Mittelalter( Englisch 1994)für notwendig erachtet, zahlreiche entschuldigende Floskeln wegen der,, derben" Ausdrücke anzubringen.
Wie bei vielen Themen rund um die Familie war es auch hier wiederzunächst vor allem die Frauenforschung, die die Grenzen des volkskund-lichen Horizontes überschritt, wie dies etwa an den Publikationen vonKatharina Riese( 1981, 1983) und Elisabeth Katschnig- Fasch( 1992)sichtbar wird, bei letzterer im Zusammenhang mit einem weiteren volks-kundlichen Tabu- Thema( nicht nur in Bezug auf die Familie, hier aberganz besonders), der Gewalt. Als notwendige Ergänzung zu all den buntenBräuchen, zu den bemalten Spanschachteln, Liebesbriefen, Möbeln, Por-traits, Paarbestecken, Brautschaffeln und Hochzeitstischtüchern, die ausAnlaß der Hochzeit hergestellt wurden und die Leopold Schmidt in einerAusstellung zum Thema Liebe und Ehe mit dem Titel Seit Adam und Evaim Österreichischen Museum für Volkskunde( Schmidt 1971) präsentier-te, sind dies bislang lediglich fragmentarische Ansätze, die dringend derWeiterführung bedürfen.
Marginalien, Vergessenes
Zumindest eines der großen gesellschaftlichen Tabu- Themen bereitet derVolkskunde keine besonderen Probleme, da sie es im Rahmen der Brauch-forschung zu fassen und zu bändigen vermag: der Tod( z. B. Huber 1974;
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