Vom Volksschauspiel zur SitCom
Die Passionsspiele verwandelten sich im Umbruch vom gradualistischenzum nominalistischen Denken zu spektakulären Marktplatzspielen undhinterließen der Neuzeit eine Bilderfülle, aus der um 1600 volksbarockeVersionen neu zusammengesetzt wurden. Sie umfaßten als„, Paradeisspie-le" das Weltgeschehen von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht undverzichteten auf die im späten Mittelalter überbordenden profanen undrealistischen Szenen. Diese fanden sich allerdings ab 1650 schon als„ Zwi-schenspiele" in Legendenspielen wieder und lassen sich als eine Quelledes komischen Volkstheaters mit nachhaltiger Wirkung auf die Folgezeitidentifizieren. Zeitgleich entstand aber auch der Typus der„ Leiden ChristiSpiele"( Oberammergau), der sich zunehmend auf die bildhafte Darstellungder Evangelienberichte beschränkte. Von der barocken Welt, die Himmel,Erde und Hölle umfaßte, blieb nur mehr das„ Reale“ übrig.
Passionsspiele heute verstehen sich alle als Laiengottesdienste. Sie trennensich oft nur zögernd vom stilistischen Erbe des 19. Jahrhunderts. Soweit siein den nicht liturgischen Szenen das neue Testament als Grundlage für einetheatralische Rekonstruktion des Leidens Christi verwenden, geraten sieunweigerlich in den aus dem späten Mittelalter bekannten Realismuskon-flikt. Eine fesselnde, theatralisch mitreißende Darstellung vernachlässigtheilsgeschichtliche Aspekte, wodurch sie zum historisierenden Schauspielwird. Passionsspiele, die sich an eine im Glauben gefestigte Gemeinderichten, verharren im bebilderten Gottesdienst. Andere sind der Auffas-sung, daß Passionsspiele durch dramatische Darstellung auch kritischesPublikum fesseln und überzeugen sollen.
Unter dem Namen„ Europapassion“ haben sich heute fünfzig Passions-spielorte aus Europa zusammengeschlossen, um international Termineabzustimmen und sich Fragen nach„, Tradition und Auftrag“ zu stellen.Die Besucherzahlen der europäischen Passionsspiele kommen an die-jenigen großer Festspiele heran. Der Publikumskreis umfaßt nicht nurgroßräumig versammelte Gläubige sondern auch„ Theatergeher" ausunterschiedlichsten Schichten. Während Gruppenbesuche abnehmen,steigt der Einzelbesuch und der Publikumsanteil aus der jeweils näherenUmgebung. Die Besucherstrukturen sind in Veränderung begriffen. Dasist alles, was sich feststellen läßt. Die Behauptung, daß das„ Volk" denZuschauerkreis von Volksschauspielen bildet, stimmt nicht einmal im Sinneines repräsentativen Querschnittes.
„ Brauchspiele" sind Passionsspiele im Geist von Gelöbnissen, das Spielalle sechs bis zehn Jahre abzuhalten. Als„, Volksschauspiel“ wird man siewohl bezeichnen können, auch wenn sie nicht zu Ostern gespielt werden
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