Gertrud Benedikt und Christian Stadelmann
chanisierung nimmt ihren Anfang.
Die Politik des Nationalsozialismus nutzte die Bauern als ideologischesKonstrukt des Deutschtums: ewig und schollengebunden. Realität warzumindest der Versuch einer Modernisierung der Landwirtschaft auf derEbene der Organisation und der Produktion. Der„ Reichsnährstand" wurdevon der Spitze, dem Reichsbauernführer, bis zur Basis, den Ortsbauern-schaften, gegliedert. Damit wurde die Lebensmittelerzeugung kontrolliertlenkbar. Maschinenankauf und Kunstdüngerverwendung wurden gefördert.Auch die Landflucht setzte in der Zeit zwischen 1938 und 1945 verstärktein. Die Weichen für die konsequente Modernisierung der Landwirtschaftwurden somit bereits gestellt( vgl. Kaser/ Stocker 1988, 169ff.).
Die große Veränderung im Laufe des 20. Jahrhunderts in der Landwirt-schaft ist wohl die Entwicklung vom primär für sich selbst arbeitendenund Abgaben leistenden Bauern zum Produzenten für den Markt, dasheißt, die Entwicklung der Landwirtschaft vom Feudalismus hin zumKapitalismus. Landwirtschaftliche Organisationen wie Raiffeisen solltendiesen Modernisierungsschub, der viele Bauern ihre Existenz kostete,puffern( vgl. Bruckmüller 1977).
Mit dem Aufkommen von Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie undder Strukturveränderung in der Landwirtschaft fällt auch eine verstärkteLandflucht zusammen. Zwischen 1890 und 1910 sank der Anteil der inder Land- und Forstwirtschaft beschäftigten Berufstätigen( d. i. die Agrar-quote) von 50 auf 39 Prozent. Von 1910 bis nach dem Zweiten Weltkriegblieb die Agrarquote mit ungefähr 39 Prozent konstant. Danach bis Mitteder 1970er Jahre kam es zur stärksten Abwanderung. Die Agrarquote sankbis 1971 auf 8,7 Prozent( Ziebermayr 1993, 6), bis 1993 auf 5,2 Prozent( Bericht 1994, 175). Dabei betrug die Anzahl der im Nebenerwerb ge-führten Betriebe – das heißt, das Haupteinkommen wird außerhalb derLandwirtschaft verdient- 55 Prozent, im Vollerwerb geführte Betriebe29 Prozent und im Zuerwerb das Haupteinkommen wird hier in derLandwirtschaft erzielt 11 Prozent( Bericht 1994, 193). Allerdings
-
leben in landwirtschaftlichen Haushalten noch immer fast eine MillionMenschen- 977.639, also beinahe ein Achtel der Einwohner Österreichs( Bericht 1994, 180).
Die Situation der Bauern Österreichs geht konform mit der europäischenEntwicklung in der Landwirtschaft: In Gunstlagen kommt es zu einerVergrößerung der Betriebe und Intensivierung der Produktion- hiergilt es zu ,, wachsen oder zu weichen“( vgl. Krammer/ Scheer 1978). InUngunstlagen kommt es zu einer Extensivierung der Produktion durch
216