Druckschrift 
Volkskunde in Österreich : Bausteine zu Geschichte, Methoden und Themenfeldern einer Ethnologia Austriaca
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Volkskunde in Österreich nach 1945

Aufgabe gemacht und- ganz im Sinne der damit implizierten( vielvölker)staatserhaltenden Intention- der 1895 von Michael Haberlandt begründe-ten Zeitschrift ein tieferes Entwicklungsprincip als das der Nationalität[...] zur Richtschnur( Haberlandt 1895, 1) gegeben hatte. Eben diesesnationale Prinzip wurde nach dem Zusammenbruch der Monarchie zumMovens all der immer kleinräumiger ausgerichteten Erkundungen regio-naler Volkskultur, wie sie die Beiträge der Wiener Zeitschrift für Volks-kunde, die sich vor allem der Volkskunde Deutschösterreichs als ihremKerngebiet( Haberlandt 1918, 141) verpflichtet zeigte, dokumentieren wobei die Funktionalisierung einer in regionaler Randlage gefundenenAgrarkultur im ökonomisch hart bedrängten Restösterreich mit seinemgrassierenden Anschlußgedanken vor allem in die Richtung einer deut-schen Nationalisierung ging. Und nach 1945 war es für das ideologischangeschlagene Fach von elementarem Interesse, die österreichischeHaltung( N. N. 1947, 7) bei der Neubegründung der Zeitschrift in denVordergrund zu stellen; wenn so dem vielfach ausgedrückten Wunsch,den zu eng erscheinenden Rahmen des Namens der Zweiten Folge zuverlassen( N. N. 1947, 6f.), nachgekommen wurde, war dies im Sinneeiner national- integrativen Volkskunde, die dazu ausersehen war, eineüber regionale Identitätsproduktion hinausgehende österreichischeVolkskultur zu formieren ein Programm, dem sich in dieser seinersozusagen antiföderalistischen Konzeption( vgl. Johler 1994b, 66f.) vorallem der künftige Leiter der Österreichischen Zeitschrift für Volkskundeverpflichtet fühlte.

Die Redaktion dieser prominentesten Plattform fachinterner Diskussionwar auf der 1. österreichischen Volkskunde- Tagung( Oktober 1946 in St.Martin bei Graz) mit Leopold Schmidt jenem Mann übertragen worden,der nicht nur dem Wiener Verein für Volkskunde und dem von diesem ge-tragenen Museum für die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte seinen Stempelaufdrücken sollte, sondern auch mit Verve und nicht ohne Sendungsbe-wußtsein daran ging, die künftige, Volkskundearbeit in Österreich( Dörrer1946) in seine Hände zu nehmen. Dazu gehörte im übrigen nicht zuletztPersonalpolitik, was in jenen ersten Jahren der wiedererrichteten Republikohne den Geruch persönlicher Ressentiments möglich war. So war etwaSchmidt bereits an der Entlassung Arthur Haberlandts als Direktor desÖsterreichischen Museums für Volkskunde nicht unbeteiligt gewesen undkonnte im Vorfeld der genannten Tagung von gleichsam objektiver Wartein einem Schreiben an Viktor Geramb fordern, keine belasteten National-sozialisten heranzuziehen- um hierauf in eigener Sache zu deponieren,daẞ von Wien meiner Ansicht nach nur Prof. Zoder und ich in Betracht

43