Ingo Schneider
Lieder aus der ganzen Welt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfuhren dieersten großen Sammelbestrebungen aber bereits nationale Beschränkun-gen. Dies gilt für Des Knaben Wunderhorn( Arnim/ Brentano 1805) ebensowie für die Teutschen Volksbücher( Görres 1807), die Kinder- und Haus-märchen der Brüder Grimm( Grimm 1812/1815) und ihre Deutsche[ n]Sagen( Grimm 1816/1818). Mit Jakob und Wilhelm Grimm waren diebestimmenden Forscherpersönlichkeiten dieser für die Volkskunde ent-scheidenden Epoche auf den Plan getreten. Durch ihre in Jungen Jahrenedierten Märchen- und Sagenausgaben und die von Jakob 1835 vorgelegteDeutsche Mythologie gaben sie die entscheidende Anregungen zu denvolkskundlichen Sammelbestrebungen des 19. Jahrhunderts. Jakob Grimmhatte mit seiner Mythologie der von Herder vorgegebenen Interpretationder mündlichen Überlieferung als Zeugnis des„ Volksgeistes“ noch einezweite, nachhaltiger wirkende beigefügt. Sein Ansatz, Sagen und Märchenals Überreste längst vergangener Zeiten zu interpretieren, zielte auf dieRekonstruktion der germanischen Mythologie( J. Grimm 1875-1878).Damit war eine Wissenschaftstradition begründet, die unserem Fach bisin unsere Tage erhalten bleiben sollte. Welche Wirkung die Grimms mitihren frühen Werken ausübten, wird deutlich, wenn man bedenkt, daßallein im deutschen Sprachraum an die 1000 regionale Sagensammlungenentstanden- vorwiegend zwischen 1850 und 1900.
Über weite Strecken des 19. Jahrhunderts wirkten in Deutschland undÖsterreich die romantische und die statistische Richtung der Volkskun-de nebeneinander, griffen aber in Leben und Werk einzelner Gelehrterimmer wieder ineinander über. Dies trifft in besonderem Maße auf diewohl wichtigste Persönlichkeit im Entwicklungsgang der österreichischenVolkskunde im frühen 19. Jahrhundert zu, auf Erzherzog Johann. Beiihm finden wir auch einige, für die spätere Volkskunde charakteristischeGedanken: so die unserem Fach lange Zeit eingeschriebene Rückwärtsge-wandtheit, eine stark bewahrend- restaurative Tendenz, die Verherrlichungdes Bauernstands auf der einen und eine großstadtfeindliche Haltung aufder anderen Seite. Der von der Dekadenz des Adels und Bürgertums an-gewiderte Erzherzog legte immer wieder eine naive Begeisterung für dasLandleben, die Alpenwelt und ihre Bewohner an den Tag. Eine Stelle ausseinen Tagebuchaufzeichnungen mag dies verdeutlichen:„ Welche Einfalt,welches Herz bei manchen Menschen, wo noch nichts verdorben[...] Gotterhalte solche Menschen; sie gibt nur das Gebirge. Ich liebe diese Men-schen wie Brüder und Kinder, Blut und Leben wollte ich geben, könnte ichsie glücklich und zufrieden machen und die alten Sitten, den alten Geist,das gute Herz erhalten“( zit. nach Geramb 1911, 41). Das Interesse des Erz-
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