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Volkskunde in Österreich : Bausteine zu Geschichte, Methoden und Themenfeldern einer Ethnologia Austriaca
Entstehung
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Ingo Schneider

Die Wurzeln unseres Faches können freilich wesentlich weiter zurückver-folgt werden. Fragen wir deshalb zunächst, worin das Gemeinsame derBetrachtungsweisen liegt, die später das Attribut volkskundlich erhielten.Es ist ein bestimmtes Interesse am alltäglichen Lebensvollzug vorwiegendder mittleren und unteren Bevölkerungsschichten, ihrer Wohnweise, ih-ren Nahrungs- und Kleidungsgewohnheiten, Sitten und Bräuchen, ihrerGlaubenswelt, ihren Erzählungen und Liedern, das den volkskundlichenBlick kennzeichnet. Dieses Interesse manifestiert sich erstmals deutlichan der Wende zur Neuzeit( Bausinger 1970, 12; Gerndt 1986, 20). DieVoraussetzungen dafür lagen in eine[ r] gewisse[ n] Distanzierung einesBetrachters vom allgemein Geläufigen. Das Übliche mußte als etwasEigenartiges und Besonderes erkannt werden, es mußte vor allem einmalzu Bewußtsein kommen( L. Schmidt 1951, 20).

I.

Im 15. Jahrhundert gingen wesentliche Impulse zu diesem Prozeß derBewußtwerdung des eigenen Alltags von Italien aus. 1451 erschien dasumfangreiche Werk Italia illustrata des Flavio Biondo, 1458 verfaßteder Humanist, Dichter und spätere Papst Pius II, Enea Silvio Piccolomininach dem Vorbild der antiken Kosmographien eine Beschreibung derdamals bekannten Welt unter dem Titel Europa. Bei der Darstellung derdeutschsprachigen Länder konnte er einerseits aus eigener Erfahrung be-richten- Enea Silvio kannte Deutschland und Österreich aus mehreren,längeren Aufenthalten- zum anderen schöpfte er aber aus einer bis dahinunbekannten Quelle, die erst um die Jahrhundertmitte in einer einzigenHandschrift nach Rom gelangt war, aus der Germania des P. C. Tacitus.Die Schriften der italienischen Renaissance, vor allem die wiederentdeckteGermania, scheinen die Humanisten in Deutschland sehr beeindruckt zuhaben. Nach mehreren Handschriften erschien 1473 in Nürnberg eine erstedeutsche Übersetzung im Druck. Conrad Celtis hielt an der Wiener Uni-versität eine Vorlesung über das Werk, das die Möglichkeit bot,, mit denAugen des 1. Jahrhunderts n. Chr. auf das eigene Volk( Gerndt 1986, 21)zu schauen. Der Autor Tacitus, ein vornehmer Römer, hielt in der Germaniaseinen Landsleuten das Bild eines unverdorbenen, kraftvollen Volkes vorAugen und verfolgte dabei wohl moralisierende Absichten. So lobte er z.B. die Hochhaltung der Einehe und die geringe Zahl der Ehebrüche undbetonte, daß die Kinder von ihren eigenen Müttern an der Brust genährtund nicht Ammen übergeben würden( Tacitus, Übersetzung v. K. Büch-ner, 1985,161). Tacitus berichtete aber auch über Häuser und Siedlungen,Kleidung, Nahrung und Religion der Germanen, über Kindererziehung und

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