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Polnische Volksmärchen
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die ganze Kirche ab, wobei sie kein Winkelchen vergaß; nur das Chordurchsuchte sie nicht. Als sie sich bereits wieder in den Sarg legte, zeigtesich ihr der Wanderer und rief vor Furcht nur aus: ,, Ich bin es." ,, Warte,"entgegnete die Prinzessin ,,, morgen wirst du dich nicht mehr vor mirverstecken."

Am folgenden Tage riet ihm der Greis, sich auf der Kanzel zu ver-stecken. Die Königstochter fand ihn auch diesmal nicht, tat ihm aberausdrücklich kund, sie werde in der dritten Nacht kein einziges Winkelchenunberücksichtigt lassen und alles durchsuchen. Selbst der Greis zweifelteschon an der Rettung, riet ihm aber doch, sich ganz neben dem Sargezu verstecken so, daß ihn der sich öffnende Deckel zudeckte; und wennsich die Königstochter in die Mitte der Kirche begebe, solle er in den Sargsteigen und warten, bis sie zurückkehrt. Sobald sie ihn in dem Sargebemerkt, werde sie ihn vertreiben wollen, er aber solle verlangen, ihmdie ganze Hand zu reichen. Darauf werde sie ihm einen Finger reichen,doch er dürfe ihn nicht anfassen, weil sie noch Macht über ihn habenwürde.

Es geschah, wie der Greis gesagt hatte. Erst als ihm die Prinzessindie ganze Hand reichte, ergriff er sie kräftig, erhob sich aus dem Sargeund ging mit ihr an den Altar, um zu beten. Am Morgen kam der Königmit seinen Hofleuten in die Kirche und sah, wie seine Tochter allmählichweiß wurde. Jetzt erst erhob sich der Wanderer und ließ den Priesterrufen, damit er ihn mit der Königstochter traute. Nach der Trauungdankte ihm die Prinzessin für die Erlösung; denn gleich nach ihrem Todefiel sie in die Macht der Teufel, aus der sie der Wanderer befreite. Eineprächtige Hochzeit wurde gefeiert. Der alte König starb bald. DerWanderer übernahm die Regierung und herrschte weise lange Zeit¹).

Das Märchen von den vierundzwanzig Räubern²).

Es lebte einst ein sehr reicher Kaufmann. Er besaß einige Kauf-läden, in denen verschiedene Waren lagen. In einem Laden hatte er Eisen,in einem anderen Stoffe, in einem dritten Zuckerwaren und Gewürze.Überall hatte er Gehilfen und treue Leute, die ihm in allem halfen unddie Waren verkauften. Aber in dem reichsten Laden befanden sich nurGoldsachen, wie Ringe mit kostbaren Steinen, Ohrringe, Ketten undUhren. In diesem Laden saß der Kaufherr selbst und verkaufte alleseigenhändig. Das wunderte niemanden, denn jeder wußte, daß es leichterist einen Ring zu stehlen als einen Eisenstab, daß Gold hundertmal mehrwert ist als Eisen.

1) Vgl. das Märchen ,, Von einem Grafen, der die Not nicht kannte", und die An-merkung 2 hiezu.

*) Das Märchen stammt aus der Gegend von Lemberg und ist erzählt von Siewińskiim ,, Lud", Bd. II, S. 266 ff.