Druckschrift 
Dante-Novellen
Entstehung
Seite
97
Einzelbild herunterladen
 

er

n

d

e

FRA DOLCINO

Fas

Or a fra Dolcin dunque che s'armi,tu che forse vedrai il sole in breve,s'ello non vuol qui tosto seguitarmi, di vivanda, che stretta di nevenon rechi la vittoria al Noarese,ch'altrimenti acquistar non saria leve.Inferno, c. XXVIII, 55

ra Dolcino war aus dem Gebiete von Novara, aus dem Dorfe Prato,das unter dem Kastell Romagnano an der Sesia liegt. Als kleiner Jungekam er nach Vercelli; dort wurde er in der Agnes- Kirche von einemPriester, Augusto mit Namen, erzogen, und der schickte ihn zur Schulezu Magister Sion, dem Lehrer des Lateinischen, und da er gut auffaßte,war er in kurzer Zeit einer der besten Schüler.

Aber samt seinen trefflichen Anlagen, derenthalben er mit seinemkleinen Wuchse und seinem fröhlichen Gesichte allgemein beliebt war,hatte er viele Schlechtigkeiten in sich, und die verhehlte er nicht lange;er stahl nämlich dem Priester, der ihm zuviel Vertrauen schenkte, eineSumme Geldes.

Wie es so oft vorkommt, mutete der Bestohlene die Schuld einemandern Hausgenossen zu, der Patras hieß, und der wollte den Verdachtnicht leiden, sondern bemächtigte sich Dolcinos, zwang ihn durch dieDrohung einer Folter auf eigene Faust zu einem Geständnis und wollteihn dann rechtens der öffentlichen Bestrafung überliefern; das aber ver-hinderte der Priester Augusto, damit er nicht ordensunfähig werde.Immerhin verließ Dolcino geängstigt die Stadt ohne Vorwissen des Priestersund begab sich an die Grenze Italiens nach Trient.

Dort begann er in den Bergen unter dem rohen, leichtgläubigen Volkeals Mönch ohne Orden eine neue Sekte zu stiften; er predigte, er sei derwahre Apostel Gottes, und alles müsse in Liebe gemein sein; und mandürfe unterschiedslos jedes Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib gebrauchen, und kein Beischlaf sei

15

97