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Vergleichende Uebersicht schweizerischer und stammverwandter
deutscher Holzbauten,
Unter den Holzbauten finden wir drei Arten der Wandbildungen;die Blockwand, die Ständerwand mit eingeschobenen Bohlen und dieRiegelwand, eine Combination von Holz mit Lehmerde oder Steinen.Letztere breitet ihre Herrschaft von dem Flachlande nach dem Hoch-lande zu immer mehr aus, in demselben Maass, in welchem die Ab-nahme der Waldungen das Material vertheuert. Jetzt finden wir inDeutschland und in der Schweiz die volle Holzwand nur noch in hohenwaldreichen Gebirgsgegenden alleinherrschend. Ob der Blockwandoder der Ständerwand das höhere Alter zuzuschreiben sei, darüberhat man nur Vermuthungen, indem das leicht zerstörbare Material unssolche Bauten nur aus den letzten drei Jahrhunderten überliefert hat.Bei den ältesten noch erhaltenen Bauten dieser Art lässt indessen dieEinfachheit der Construction, sowie die dabei angewendeten Dekora-tionen auf Jahrhunderte hindurch unverändert beibehaltene Reminis-cenzen und auf sehr hohes Alter beider Bauarten schliessen.
In der Schweiz sehen wir auf einem verhältnissmässig geringenRaum alle drei Arten der Holzwände vertreten. Sie wurden in sehrverschiedener Weise zum Theil mustergültig wie nirgends sonst aus-gebildet und der Steinbau sowohl wie der Ständerbau noch mit demBlockbau combinirt. Selbst bei gleichen Constructionen und ähnlichenGrundrissanlagen erhalten diese Bauten durch Verschiedenheiten in derDachbildung, in den Wandbekleidungen und Dekorationen oft einenganz veränderten, die Mannigfaltigkeit steigernden Charakter.
Suchen wir bei allen diesen Verschiedenheiten das gleichartigUebereinstimmende, so finden wir dasselbe in der Grundrissanlage desWohnstocks.*)
Das kleinste von einer Familie bewohnte Haus hat neben demWohnzimmer das Schlafzimmer, hinter beiden die Küche mit den Ein-gängen seitwärts, diese Gruppe bildet den quadratischen Kern desHauses und erweitert sich nach Oben durch ein zweites Geschoss miteiner oder zwei freitragenden Seitenlauben. Bei dem grössten von einerFamilie bewohnten Hause ist ein schmaler Gang mit der einarmigenTreppe und den seitlichen Hausthüren zwischen die beiden vorderenZimmer und die Küche, woran sich eine Kammer schliesst, einge-schoben. Diese grössere Gruppe bildet wie oben wieder den quadrati-schen Kern, über dem sich das zweite Geschoss mit Seitenlauben, imBerner Oberland zuweilen auch mit Vorlauben, erhebt,
b
a
k
Fig. 58.
50
d
Maasstab 1: 300.
In den Urkantonen findet sich aufdem Lande höchst selten eine Ver-mehrung dieser Räumlichkeiten füreine Familie, und dann nur wie beidem ehemaligen Landvogtenhaus inSteinen, Fig. 58., in der Art, dasssich obige Gruppe der Traufseite desHauses nach wiederholt.
Hierbei wurde das südliche Wohn-zimmer c im Winter und das nörd-liche e im Sommer bewohnt.**)
Bei den kostspieligeren Blockhäu-sern des Berner Oberlandes dagegenassocirten sich gewöhnlich zwei Fami-lien und wiederholten obige Gruppeder Giebelseite nach, gegen die Mittagslinie, beide Wohnungen getrenntdurch die Mittelwand des Giebels. Dadurch entstanden die grossenGiebelfaçaden in doppelter Länge als die Traufseiten des Hauses.
Die Schweizer haben im Wesentlichen die stammverwandte alle-mannische Wohneinrichtung, wie sie noch in den Bauernhäusern desSchwarzwaldes existirt, beibehalten. Sie waren wie die Schwarzwälderbei der Uebervölkerung auf ungünstigem Boden seit Jahrhunderten,neben der Landwirthschaft und Viehzucht, auf industrielle Beschäfti-gungen als einen Hauptzweig ihrer Nahrung angewiesen. Desshalb
*) Vergleiche die Grundrisse Tafel 15 und 17.
**) a) Vorplatz unter der Laube mit dem Eingang, b) Hausflur mit der Stock-stiege, c) Wohnzimmer, d) Schlafzimmer, e) Wohnzimmer, f) Schlafzimmer,g) Küche, h) offene Laube mit Tisch und Bank, daneben eine Treppe in denGarten, i) Abort, k) Holzbehälter.
hielten sie die eigenthümliche Fensterstellung der allemannischen Woh-nung fest, wonach die Fenster an der südlichen Hausecke beiderseitsum den Arbeitstisch im Wohnzimmer dicht aneinander gereiht wurden.Dieser Theil des Wohnzimmers bildet gleichsam den Brennpunktdes Hauses und des Familienlebens. Die durch ihn gezogene Diago-nale fällt wo möglich auf die Mittagslinie, damit der Sonne den Tagüber der Zutritt gestattet werde.
Beim Sitzen auf den um die Ecke ziehenden Wandbänken hatman sowohl den Ueberblick über das ganze Zimmer, über die Ein-und Aus- Tretenden, als auch mittels der bequem seitwärts zu schie-benden Fensterschalter, den freien Blick über die oft wundervolleLandschaft. Der heiteren erkerartigen Fensterstellung ist die äussereSymmetrie der Façade, zuweilen selbst die Symmetrie der Strassen-anlagen geopfert; indem stets ein Haus etwas vor das Andere vorge-schoben ist, um auch von den Seitenfenstern auf die Strasse zu sehen.
Die innere Einrichtung des Wohnzimmers zeigt überall die gleichesinnige Gemüthlichkeit, welche den Deutschen im Allgemeinen charak-terisirt und selbst auf die französische, romanische und italienischeSchweiz übergegangen ist. Meistens ist das Wohnzimmer quadratischvon 3,6-6 m. Seitenlänge, als das beste räumliche Verhältniss bedin-gend, und im Lichten 2,1-2,25 m. hoch. Das Licht der Fenster wirddurch die kleinen Scheiben in Blei gebrochen und Vordächer oder dasweit vorspringende Hauptdach schützen um die heisse Mittagszeit, wieauch gegen Regen und Schnee. Die bei der geringen Stärke der Holz-wände nothwendige innere Vertäfelung zeigt wie die Dielen des Fuss-bodens und der Decke die natürliche Holzfarbe im warmen Reflexlichtder Sonne. Der grosse glasirte Kachelofen, welcher auch zum Obst-dörren und Brodbacken dient, meistens der einzige Ofen im Hause,liegt jener Ecke gegenüber, ist von Aussen zu heizen und von derScheidewand durch einige schmale und hohe Tritte getrennt, welcheden Zugang zu der darüber angebrachten Fallthüre ins obere Schlaf-gemach vermitteln und im Winter warme Sitzplätze darbieten. Dasauch dem ärmsten Bauer nicht fehlende Büffet, welches den Sekretärmit dem Glasschrank und dem Waschtisch vereinigt, steht längs einerWand oder an einer Ecke, ebenso die Wanduhr. Einige Holzstühlevollenden diese bescheidene Ausstattung.
In den Urkantonen findet sich noch das aufgeputzte Bild derMadonna unter Glas auf einem kleinen Eckschrank und bei den ältesten
Fig. 59.
Häusern an den eichenen Thür- und Fenster-Pfosten geschnitzte und bemalte Heilige nachspätgothischen Mustern. Bei reicheren Häuserndes 17ten Jahrh. sind die Holzschnitzereien undeingelegte Mosaikarbeiten an jenen Möbeln, sowie der architektonische Schmuck an Decken,Wänden und Thüren und der mit Malereien undReliefarbeiten gezierte Kachelofen, alles in spä-terem Renaissancestyl, oft bewundernswerth.
Als Beispiel jener Mosaikarbeiten geben wirin Fig. 59 die Art und Weise wie man aus zweiverschiedenfarbigen Holzgattungen ein helles undein dunkles Brett wählte, um dieselben nachgleichem Dessin auszuschneiden und durch Ver-wechslung der Ausschnitte mannigfaltige Wirkungenohne Holzverlust zu erzeugen.
Nachdem wir das Uebereinstimmende der Grundrissanlagen nach-gewiesen haben, bleiben uns noch einige Abweichungen davon zu er-wähnen. Im Berner Oberland wird häufig eine Küche gemeinschaft-lich von zwei Familien benutzt, wodurch sich der Grundriss, wenn jedeFamilie nur ein Wohnzimmer am Giebel hat, sehr vereinfacht.
Bei grösseren nur von einer Familie bewohnten Blockhäuserndes Simmen- und Saanen- Thales, liegt die Küche in der Mitte desHauses. Mit dem Heerd in der Mitte und von der Oeffnung des weitenhölzernen Rauchfangs oft nur von Oben erleuchtet, bildet sie gleichsamden Centralpunkt, indem sie in Verbindung mit den Gängen und Treppenden Zugang zu allen übrigen Räumen des Hauses gestattet. Auch