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Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
Entstehung
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Vor etwa 30 Jahren wurde im ganzen Gebiet der Hohen Maurienne eine Fahr-straße( route nationale) angelegt, die auch für den Autobusverkehr mit Modane bestimmtist. Sonst können in diesem Tale nur wenige Straßen befahren werden, und zwar nurmit einem schmalen zweirädrigen Wagen. Die meisten Wege, die von Bessans nachallen Richtungen ausstrahlen und auf die ausgedehnten Alpen führen, sind ausschließlichSaumpfade.

Für Bessans und Umgebung bildet somit der Esel auch heute das Hauptverkehrs-mittel zur Beförderung von Menschen und Lasten.

Die Fahrstraße sowie auch einige Saumwege sind zur Abgrenzungvon anschließenden Wiesen- und Weideplätzen streckenweise mitniederen Mauern versehen. Im Dorfe selbst findet man etwashöhere Ummauerungen, welche die Freiplätze umfrieden und dieHöfe von der Gasse abschließen.

Manche dieser Mauern sind über 2 m hoch und verbergen von der Straße ausdem Beschauer die dahinter gelegenen Häuser. Diese Mauern, die größtenteils aus lockeraufgeschichteten, nur mit Erde und Kuhmist, ohne Mörtelbewurf zusammengefügten Bruch-steinen bestehen und daher von Wind und Wetter arg hergenommen werden, verleihendem Dorf stellenweise ein eigenes Gepräge. Wenn man das erste Mal solche alte Gassenmit halbzerfallenen Steinmauern betritt, um die herabgerollte Bruchsteine zerstreut liegen,hat man fast den Eindruck, als ob das Dorf unmittelbar vorher von einer Lawinen-katastrophe heimgesucht worden wäre.

In den Hof gelangt man entweder durch eine in gleicher Höhe mit der Steinmauerangebrachte Pforte oder durch ganz imposante Portale, die eine Höhe von 4 m er-reichen und die sie einschließende Steinmauer bedeutend überragen. Sie sind, besondersbei älteren Häusern, in kühnem Bogen geschwungen und werden durch zweiteilige Tor-flügel aus Holz geschlossen.

Diese architektonisch recht wirksamen Torbogen scheinen italienischenUrsprungs zu sein; wenigstens erwähnt Reishauer ähnliche Portale bei Schilderung desitalienischen Bauernhauses in Welschtirol. ¹) Die unmittelbare Nähe von Piemont sowiedie ursprüngliche Zugehörigkeit Savoyens zu Italien lassen übrigens das Vorkommenitalienischer Torformen in Bessans ganz erklärlich erscheinen. Auf einigen dieser Tor-bogen entdeckt man noch Reste von Malereien religiösen Charakters, die, nach den Aus-sagen der Bessaner und nach den hie und da noch zu entziffernden Jahreszahlen zuurteilen, aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen dürften und von vorüberziehendenitalienischen Malern auf den Häusern reicher Besitzer und Amtspersonen angebrachtworden waren.

In der Mitte des Dorfes, wo die Häuser dichter aneinander-gedrängt sind, ist nur ein kleiner Teil des Bodens für Gemüsebaureserviert; an den Peripherien aber, wo genügend Freiplätze vor-handen sind, findet man größer angelegte Gärten. Die bedeutendeSeehöhe von Bessans gestattet den Anbau von nur wenigen Gemüse-arten, wie: Kohl, Salat, Kraut, gelbe und rote Rüben; aus diesen ragthäufig die Sonnenblume empor, die hier auch als Nutzpflanze ver-wendet wird.

Haus- und Hofanlage. Da im nächstfolgenden Abschnittedieses Kapitels das Wohnhaus ausführlich geschildert werden wird,seien hier bloß einige allgemein orientierende Bemerkungenüber dasselbe vorausgeschickt.

1) H. Reishauer: Italienische Siedelungsweise im Gebiete der Ostalpen. Zeitschriftdes deutschen und österr. Alpenvereines, 1904.