6
bildeten, die oberen Terrassen von der Erosion nur wenig angegriffen wurden. Aufdiese Weise bietet das Becken von Bessans ein verhältnismäßig seltenes Beispiel von dreibesonders gut erhaltenen, übereinander gelagerten Terrassenflächen, auf derenoberster die Kirche steht, während die beiden anderen Terrassen die Häuser des DorfesBessans tragen.
Professor Girardin behauptet mit Recht, daß vor dem Bau der Fahrstraße( routenationale) der Col de la Madelaine für dieses Gebiet eine natürliche Schranke bildete,welche viel dazu beigetragen hat, daß Bessans und Bonneval ihre alten Bräuche bis heutebehalten haben.
Was die anthropogeographischen Verhältnisse derGegend betrifft, so finden wir hier hauptsächlich eine geschlosseneSiedelungsform vor. Haufendörfer sind die vorherrschende Siedelungs-type; Einzelhöfe kommen in der Regel nicht vor.
Die Bevölkerung von Bessans, welche im Jahre 1914 zirka800 Einwohner zählte, gehört mundartlich der Frankoproven-zalischen Gruppe 1) an und weist in Bezug auf physischen Habitus,Sprache sowie manche Äußerungen der materiellen und der geistigenKultur starke piemontesische Einschläge auf. Die Nachbar-schaft von Piemont und die frühere Zugehörigkeit Savoyens zu Italienmögen die vielfachen Zusammenhänge zwischen diesen beiden Ge-bieten bedingt haben.
Der vorherrschende anthropologische Typus in Bessans ist der dunkle,doch ist dabei die Gesichtshaut ziemlich hell und zart; auch blonde sind, insbesondereunter Kindern, anzutreffen. Die Bessaner, die sich durch bütsche Gesichtszüge und regel-mäßigen Körperbau auszeichnen, sind im allgemeinen hoch gewachsen. Die maximaleKörperlänge beträgt bei Männern 1.95 m, bei Frauen 1.80 m.
Die 100 kraniologischen Messungen, die ich an den Bessanern vorgenommenhabe, ergaben, daß die Bessaner wie die Mehrzahl der Alpenbewohner stark brachy-zephal sind: der Maximal- Index bei Männern und Frauen beträgt 90-5; der durch-schnittliche Index 82.0.
Die Bessaner behaupten, daß sie gleich den übrigen Bewohnern der MaurienneAbkömmlinge der Sarazenen seien, deren letzte Spuren sie in einer, race rouge" erblickenwollen; Vertreter dieser letzten sollen nach Aussage der Einheimischen noch vor einigenJahrzehnten im Weiler Goulaz gelebt haben.
Auch wissen die Bessaner allerlei Legenden von unterirdischen Gängen, vonarabischen Inschriften, die man in Bessans und Umgebung gefunden baben soll, zuerzählen. Die Frage des ehemaligen Vorhandenseins der Sarazenen im Tal der Maurienne( die schon so manchen Historiker beschäftigt hat) muß jedoch vorderhand aus Mangel anBeweismaterial unentschieden bleiben.
Trotz der den hygienischen Anforderungen nicht immer entsprechendenStallwohnungen erfreuten sich die Bessaner vor dem Kriege im allgemeinen einer gutenGesundheit und Greise im Alter von 80 bis 90 Jahren waren in Bessans keine Seltenheit.Dazu trägt wohl das gesunde Klima, die einfache kräftige Kost und die Beschäftigung imFreien bei.
Da in Bessans keine Hausindustrie betrieben wird, sind die Bessaner wie so mancheAlpenbewohner gezwungen, für die Wintermonate auszuwandern. Früher ging fastalles nach Turin; heute begeben sich die Bessaner, oft mit Frau und Kindern, für die
1) Gustav Gröber: Einteilung und äußere Geschichte der romanischen Sprachen.Straßburg 1905. S. 550.