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richtiger gesagt, Leibrocktracht gehört, die wir auf bosnischen Grabsteinendes Mittelalters als Herrentracht wiedergegeben finden und die dem Ansehen nachihrerseits vollkommen mit den gefältelten Leibröcken des Rittertums im Westenübereinstimmt, besonders wenn das Oberteil des Gewandes durch einen Küraẞverdeckt blieb. Man vergleiche nur etwa ein Bild aus dem Theuerdank mit derErscheinung eines Fustanträgers. Dazu stimmt vollkommen, daß zum Fustan heutein der Regel noch ein geteiltes Hosenpaar getragen wird; auch im Westen war dieseZusammenstellung einst herrschend.
Demgegenüber muß aber auch der Erwägung Raum gegeben werden, ob wires nicht etwa mit einer alten Schurztracht beim heutigen Fustan zu tunhaben, dessen Entsprechungen im schottischen» kilt« zu suchen sind, an den schonBoué erinnert, und in einem gefältelten Hüftumhang der Sarden, der hier freilichnicht aus Leinwand, sondern aus doppelt genommenem dicken schwarzen Tuch her-gestellt ist.
In diesem Falle müßte man aber den Gedanken an einen. Zusammenhangmit den in der Literatur gleichfalls gewiß mit Recht als Fustantracht bezeichnetenLeibrockformen des bosnischen Mittelalters aufgeben, der doch als der nächstliegendeerscheint. So möchte ich den heutigen zierlich in eine Unzahl Falten gelegten Fustan-schurz der Balkanländer als ein modisch zugestutztes Überbleibsel einer älterenLeibrocktracht ansehen, bezüglich welcher Truhelka für Bosnien auf Grund zahl-reicher namhaft zu machender Übereinstimmungen mit ritterlichen Darstellungenauf italienischen Miniaturen des 14. Jahrhundertes gewiß mit Recht auf Zusammen-hang mit dem Westen schließt. Den Überfall des Hemdes möchte ich als volks-tümliche, zugleich dem Ausgangstypus näher verbliebene Parallelerscheinung zuder mehr ausgebildeten Mode der Städte ansehen.
Woher alle diese Leibrockformen zusammen sich herleiten mögen, bleibt nunfreilich noch die Frage. Schon Boué denkt bezüglich des Fustan an den römischenLegionärsrock, und immerhin würde sich gerade diese Ausgangsform sehr gut an-nehmen lassen. Es würden vielleicht sogar auch die sardische Form und der Kilthieher gestellt werden können, nur daß ihr Schurzcharakter eben nicht als das Ur-sprüngliche, sondern als eine spätere Ableitung erscheinen würde.
Der Name» Fustan« besagt für den Ursprung des Stückes gar nichts; er wirdauch für Teile der Tracht der serbischen Bäuerinnen angewendet, im heutigen Ita-lienisch bedeutet er» Barchent«< und in Ragusa bedeutet im Mittelalter die>> arsfustanorum<< die ehrsame Kunst der Schneider gemeinhin.
Von Hosenformen begegnen in Albanien zweierlei Typen. DieMalisoren der Hochländergaue des Nordens tragen enganliegende weißeSchafwollhosen, deren schwarze Bortenbenähung landschaftlich verschiedenecharakteristische Linienführung aufweist. Diese Benähung war früher auchin Serbien gebräuchlich und geht zweifelsohne allenthalben auf türkischeModeeinflüsse zurück, wie ja auch die Hosen selbst mindestens in derzweiten Hälfte des 19. Jahrhundertes in den Basars der Städte angefertigtwurden, wohin die Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag Weiber den Stoff zur Verarbeitung brachten. DerHosenschnitt zeigt in einigen Schweifungen gleichfalls modischen Ein-schlag, stimmt aber im ganzen vollständig mit der enganliegendenHosentracht überein, die gerade bei den ursprünglicher verbliebenennördlichen Gruppen der Halbinsel überall wiederkehrt. Die Bewohner derKüstenebene und Mittelalbaniens dagegen tragen weite, bis an dieKnöchel reichende Pluderhosen aus weißer grober Leinwand, oderseltener braunem Schafwollstoff, welch letztere Form auch in ganz Make-donien und Bulgarien verbreitet ist. Sie ist wohl aus den thrakischen