VORWORT.
Die nachfolgenden volkskundlichen Studien und Forschungen sinddas Ergebnis einer mehr als dreimonatlichen Bereisung Montenegros,Albaniens und der Metochie, des Gebietes zwischen Djakova,Prisren und Ipek.
Kaum eine dieser Landschaften kann als volkskundlich vollkommenunerforscht gelten, doch haben manche bisher nur eine ziemlich flüchtigeDarstellung erfahren. Die umfassendsten und wertvollsten Beobachtungenrühren von Ami Bou é, dem Nestor der Balkanforschung, zugleich ihremhervorragendsten Vertreter, her, für Montenegro hat der RusseRovinsky eine umfassende Beschreibung von Land und Leuten schonin ganz neuzeitlichem Sinne geliefert, darüber hinaus ist durch die vonJ. Cvijić in Belgrad veranlaßten, hauptsächlich haus- und siedlungs-kundlichen Aufnahmen auf serbokroatischem Boden ein sehr brauchbaresund umfassendes Material volkskundlicher Art zustandegebracht worden.
Der das Hauswesen behandelnde Stoff dieser Veröffentlichungen istvon M. Murko zusammengestellt und kulturgeschichtlich ausgewertetworden; meine Beobachtungen und Ergebnisse stimmen jedoch mit diesenAufstellungen in manchem Belang nicht überein.
Auch Albaniens hat sich die volkskundlich wissenschaftlicheLiteratur schon einigermaßen bemächtigt. Vorab hat das Hauswesen deskatholischen Nordalbanien von F. Nopcsa systematische wissenschaft-liche Darstellung erfahren, ganz abgesehen von Einzelbeobachtungen diesesund anderer Autoren, die sich über alle Gebiete volkskundlichen Lebenserstrecken.
Allenthalben steht die Forschung aber erst in den Anfängen undkrankt bei starker Neigung zu geschichtlichen Hypothesen aller Art andem Mangel einer intensiveren, eingehenderen Untersuchung des vor-liegenden Materials im Rahmen vergleichender Darstellungen, ohnedie all diese Unternehmungen nimmermehr vollwertige Wissenschaftlichkeiterwerben können. Somit war den volkskundlichen Arbeiten einer Expeditionein klares Programm schon auf den Weg mitgegeben. Es erschien nichtder Versuch einer Einzelbeschreibung, sei es auch für diesesoder jenes unbekanntere Gebiet, wünschenswert; er hätte anbetracht derkurzen zu Gebote stehenden Zeit auch nur lückenhaft oder unverläßlichausfallen können; vielmehr war es an der Zeit und geboten, in großemZuge einmal in möglichst weitem Umkreis die bestehenden Verhältnissetunlichst vielseitig kennen zu lernen, dabei gegebenenfalls bestehendeLücken der Forschung auszufüllen, die bisherigen Beobachtungen zu über-prüfen und dann aus dem Zusammenhalt des gesamten volks-kundlichen Materials über die Lebensformen dieser Länder einekulturgeschichtliche Deutung, Wertung und Gliederung