62
Ein Wort über den Klatsch
Augen, die niemals schlafen, die mit uns gehen bis indie geheimste Kammer, wo wir nackend sind, wie dawir aus unserer Mutter Schoß gekommen. Er ist derSpion, den die Neugierde ausschickt und der Neid be-zahlt, um unser ganzes Thun und Treiben auszukund-schaften und dann den Winden preiszugeben, bis selbstdas Schilfrohr von unseren Eselsohren flüstert und dieSpatzen auf dem Dache von unserer Schande pfeifen.Eine unsichtbare Polizei zumeist mit Unterröckenuniformiert- 2 umgeben uns Tratsch und Klatsch inder Umklammerung von hundert Polypenarmen und feinenFangfäden, und drohend sehen wir in jeder Situationunseres Lebens hundert Plapperzungen gegen uns ge-kehrt, mit Freuden bereit zu schmälen, zu stechen unduns etwas am Zeuge zu flicken.
Denn der Klatsch ist die ungünstige Supposition, derVerdacht a priori. Er sieht immer nur die Schattenseiteder Dinge, er kennt nur die gemeinste Auffassung, diegemeinste menschliche Deutung. Er stellt das traurigeNiveau der Menschheit dar, auf welches sie alles undjedes, jede Handlung, jede Gesinnung, jedes Wort undjede Geberde herunterzieht, um es sich verständlich zumachen, um es zu motivieren und einzureihen in dastriviale Gemälde, die banale Schablone, die man ge-wöhnlich mit dem Namen Lebensauffassung und Menschen-kenntnis belegt.
Unser Privatleben ist gänzlich unter die sittenpolizei-liche Aufsicht des Klatsches gestellt. Jede Seite unsererHäuslichkeit wird von ihm ausspioniert, in jedes ihrerFächer steckt er seine freche Schnauze. Die Verhältnisseunseres Haushaltes, wie man hier kocht und dort sichkleidet, wie man die Kinder hält oder die Dienstleute