148 Digitalisate in Alben Gaul Löwy National-Trachten
148 Titel

Franz Gaul und Josef Löwy – Die Sammelbildserie „Österreichisch-Ungarische National-Trachten“ (1881–1890)

Die Sammelbildserie „Österreichisch-Ungarische National-Trachten“ (1881–1890) besteht aus 72 Darstellungen, die regionale Trachten aus unterschiedlichen Regionen der Österreich-Ungarischen Monarchie zeigen. Sie wurde von Franz Gaul (1837–1906), einem Historienmaler und Kostümexperten, und dem Fotografen Josef Löwy (1834–1902) produziert und erschien in verschiedenen Formaten, darunter ledergebundene Mappen und Einzelbilder im selten verwendeten Carte de Boudoir-Format. Das Angebot richtete sich an die wohlhabenderen Kreise der Gesellschaft; ein Bild kostete etwa 25 Euro, umgerechnet in heutiger Kaufkraft.

Mit ihrem Fokus auf Alpenregionen, insbesondere Tirol und Südtirol (heute Italien), diente die Bilderreihe bald als Quelle für die bürgerliche Trachtenbewegung. Im Volkskundemuseum Wien befinden sich 145 der Serie zugehörige Darstellungen, darunter Duplikate und Entwürfe, die wertvolle Einblicke in Produktionsprozesse geben. Diese Bestände ermöglichen nicht nur vergleichende Analysen, sondern regen auch zu neuen Forschungsfragen an.

Trachtendarstellung Oberösterreich, Ischl (67), Carte de Boudoir, Lichtdruck (Fotografie), handkoloriert, 1881-1890, pos/63951/011 Volkskundemuseum Wien, CC PDM 1.0

Fakten

Die Sammelbildserie „Österreichisch-Ungarische National-Trachten“ umfasst 72 Darstellungen von Trachten aus verschiedenen Gebieten der Österreich-Ungarischen Monarchie. Sie wurde zwischen 1881 und 1890 produziert. Franz Gaul der Jüngere (1837–1906), ein Historienmaler, Kostümzeichner und -experte aus Wien, späterer „Ober-Inspector des Ausstattungswesens“ am k.k. Hof-Operntheater, übernahm die Ausstattung der Fotomodelle. Anlass für das Projekt waren Pläne zur Gründung eines österreichisch-ungarischen Nationaltrachtenmuseums in Wien, das jedoch nie verwirklicht wurde. Gemeinsam mit dem k.k. Hoffotografen Josef Löwy (1834–1902) inszenierte Gaul aufwendig die komplette Bilderserie mit Kleidungsstücken, die vermutlich sowohl aus seinem eigenen Fundus als auch aus dem von ihm aufgebauten Fundus der Hofoper stammten. Inspiriert wurden die Fotografien auch von Gauls umfassender Sammlung an Abbildungen von „Volkstypen“- und „Costüm“-Darstellungen“. Problematisch hierbei ist, dass eine klare Bestimmung der Herkunft der Kleidungsstücke nicht mehr möglich ist, d.h. ob er sie von seinen Reisen in den 1850er Jahren mitbrachte, sie aus dem Antiquitätenhandel stammen, oder sie von Gaul selbst angefertigt oder neu kombiniert sind. Für die Aufnahmen getragen wurden die Trachten vermutlich von Schauspielerinnen und Schauspielern (Tschofen 2011). Als Verleger der Sammelbildserie trat die k.u.k. Hof- und Universitätsbuchhandlung R. Lechner auf – ein renommiertes Wiener Buchhandels- und Verlagshaus für Fotografien. Die Vorlage für das der Sammelbildserie beigelegte Schmuckblatt stammt von Heraldiker Hugo Gerard Ströhl (1851–1919).

Gaul erhielt, vermutlich aufgrund des Erfolgs dieser Arbeit, einen Folgeauftrag: 1893 veröffentlichte er unter dem Titel „Costüm-Album von National-Trachten und Typen für Damen“ (Tostmann 1998) einen Warenkatalog für die Wiener Firma Loden-Plankl am Michaelerplatz. Die abgebildeten Modelle wurden „als Vorbilder für Redouten und Sommerfrischen einer Bildungselite“ von ihm entworfen und waren bei der Firma Plankl als Halbkonfektionen vorrätig, was auf eine hohe Nachfrage hinweist (Kammerhofer-Aggermann 2015).

Nicht nur in den beiden obigen Produktionen fanden die Trachten aus dem von Gaul betreuten Kostümfundus der Hofoper Verwendung, sondern u.a. auch beim Makart-Festzug 1879 und beim Kaiser-Huldigungs-Festzug 1908, beide von Gaul mitarrangiert und ebenfalls von Josef Löwys Atelier in Gesamt- und Einzelaufnahmen fotografiert (siehe pos/1664-1671 und AÖMV/1232-1285).

Eine Serie – verschiedene Ausführungen

Die Nachfrage nach der Sammelbildserie „Österreichisch-Ungarische National-Trachten“ war offenbar so groß, dass sie in verschiedenen Ausführungen für unterschiedliche Zwecke und Budgets reproduziert wurde: So erschienen die 72 Bilder in drei Bänden als ledergebundene Flügelmappen, mit jeweils 24 aufkaschierten Bildern. Sie wurden aber auch einzeln verlegt – aufgezogen auf dem selten verwendeten, 21,5 x 13,4 cm großen, Carte de Boudoir „mit Goldfacette“. Unabhängig von der Ausführung handelt es sich dabei teils um kolorierte Albuminabzüge, teils um Drucke. Auf der Rückseite der Boudoir-Bilder ist zur Herstellung noch detaillierter vermerkt: „nach der Natur photographirt, in Lichtdruck vervielfältigt und theils mit der Hand colorirt, theils in Chromodruck ausgeführt“. Weiter heißt es dort zu den Formaten und abgebildeten Trachten: „Drei Serien, zu je vierundzwanzig Blatt in Mappe, à 33 fl. [Gulden österreichischer Währung] Eine Künstler-Ausgabe in Aquarell gemalt und in ganz Schweinsleder gebunden kostet per Serie 275 fl. [...] Einzelne Blätter auf schwarzem Boudoir-Carton mit Goldfacette fl. 1.50.“ Das Angebot richtete sich an die wohlhabenderen Schichten. Selbst eine einzelne Carte de Boudoir kostete, der heutigen Kaufkraft entsprechend, umgerechnet 25 Euro.

Was sehen wir?

Es wurden vor allem Trachten präsentiert, die den Geschmack des Bürgertums trafen und dessen „Interesse an ‘Exotischem’ oder ‘Alpinem’ als einer Form von ‘Binnenexotik’ widerspiegelten“ (Kammerhofer-Aggermann 2015). Im Fokus standen regionale Trachten auch aus Sommerfrische-Gebieten wie Bad Aussee oder Bad Ischl. Rund die Hälfte der Abbildungen zeigt Trachten aus den Alpen, mit Schwerpunkt auf dem damaligen Kronland Tirol, welches auch Südtirol umfasste (heute Italien), und zu dem verwaltungstechnisch das heutige Bundesland Vorarlberg gehörte. Aus anderen Habsburger Gebieten wie Galizien oder der Bukowina sind nur zwei bis drei Beispiele enthalten. Mit vierzehn Bildern vertreten waren die Länder der ungarischen Krone. Einige Darstellungen erinnern an Einzelporträts der von Gaul mit Kostümen ausgestatteten Handwerkerinnen und Handwerkern aus dem Makart-Festzug von 1879, wie beispielsweise an den „Kärntner Gailthaler“.

Während Trachten in bestimmten Gebieten bereits festgelegt waren – etwa im steirischen Kurort Bad Aussee, orientiert an den vestimentären Bemühungen von Erzherzog Johann (1782–1859) – erhielten andere Regionen ihre Trachten erst später. Auffällig ist, dass in den ersten 24 Bildern (Album 1) keine männlichen Personen in Tracht abgebildet sind. Erst in den höheren Nummernkreisen sind Männer- und Frauentrachten gleichmäßig vertreten.

Trachten werden genutzt, um sich abzugrenzen und regionale oder nationale Zugehörigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Die Gaul-Löwy-Serie diente bald als Quelle für die bürgerliche Trachtenbewegung (Kammerhofer-Aggermann 2015).

Die Sammelbildserie im Volkskundemuseum Wien

Die Fotosammlung des Volkskundemuseum Wien besitzt insgesamt 145 Bilder, die eindeutig der 72-teiligen Sammelbildserie zugeordnet werden können. Darunter befinden sich Duplikate und vermutlich Entwürfe. So ist es beinahe überraschend, dass die Serie dennoch nicht vollständig vorliegt: Von den 72 produzierten Trachtendarstellungen sind 55 im Museum vorhanden. Von den drei verlegten Mappen mit jeweils 24 Tafeln liegen die ersten beiden vor, davon die erste Mappe zweimal, mit geringen Unterscheidungen in den beiden Versionen. Von den Boudoir-Bildern sind 37 der 72 Ansichten verfügbar, ergänzt durch drei Dubletten. Zudem enthält die Sammlung 32 Entwürfe, die überwiegend dem ersten Drittel der Serie zuzuordnen sind. Sie wurden erst im Jahr 2022 als solche identifiziert.

Wie genau die Boudoir-Bilder und das erste Album in unsere Fotosammlung gelangten, bleibt weitgehend unklar. Einzig über die erste Inventarnummer des Bestands, pos/1005, ist bekannt, dass Franz Friedrich Kohl (1851–1921), Kustos der zoologischen Abteilung des k.k. naturhistorischen Hofmuseums, dem Volkskundemuseum diese Carte de Boudoir 1904 schenkte. Bezüglich der übrigen Objekte gehen wir davon aus, dass sie auf unterschiedliche Weise und zu verschiedenen Zeiten ihren Weg in die Fotosammlung fanden. Die Abzüge und Duplikate variieren in Herstellungstechnik, Kolorierung sowie in Details wie Pose, Kleidungsstücke oder Gebrauchsspuren. Auch die Rückseiten der Cartes de Boudoir weisen unterschiedliche Merkmale auf, die auf diverse Ursprünge und Produktionsjahre hindeuten. Manche Rückseiten sind leer, andere tragen gedruckte Angaben zu Hersteller, Technik, Preis, Abbildungen und Adresse (teils mit Druckvarianten) oder einen Stempel z.B. von „Alois Jedeck Buchhandlung-Antiquariat Kunst Musikalienhandlung Wien, VIII/1. Josefstädter Strasse 23/25.“

Ein Großteil der Boudoir-Karten wurde erst in den Jahren 2009 und 2021 inventarisiert, obwohl sie vermutlich schon seit Jahrzehnten Teil der Fotosammlung gewesen waren (siehe Hammer 2020). Die Alben durchliefen im Museum mehrere Stationen: Etwa waren sie eine Zeit lang Teil der Bibliothek oder der früheren Außenstelle Schloss Kittsee, bevor sie 2022 endgültig in die Fotosammlung (re)integriert wurden. Die Einordnung dieser Objekte in einen Sammlungsbereich erwies sich aufgrund der unterschiedlichen Stationen und Nutzungen als schwierig. Zwei Gründe sprachen für ihre vollständige Aufnahme in die Fotosammlung anstatt z.B. in die Bibliothek: Zum einen ist der gesamte Bestand nun an einem Ort vereint. Zum anderen erfordern die Albuminbilder und die Kolorierungen mit Eitempera klimatische Bedingungen, die über die Anforderungen von Papier hinausgehen.

Zusätzlich zu den verlegten Serienbildern konnten 32 vorher unbekannte Albuminbilder mit sehr ähnlichen Darstellungen identifiziert werden. Sie sind nicht koloriert, mit teils minimalen Abweichungen wie Pose, Requisiten, selten auch Modell. Durch die intensive Auseinandersetzung mit allen Gaul-Löwy-Abzügen konnten der Bestand zusammengeführt, die Objekte in der Inventardatenbank untereinander digital verknüpft und Duplikate einander zugeordnet werden. Auch wenn unsere Sammlung an Gaul-Löwy-Fotografien mit 145 Objekten vergleichsweise klein ist, liefert sie wichtige Einblicke in Produktionsprozesse, ermöglicht Vergleiche und lädt dazu ein, neue Forschungsfragen zu stellen.

Astrid Hammer

Kuratorin der Fotosammlung

18.2.2025

Literatur:

Franz Gaul. In: www.bildindex.de. Link (aufgerufen am 28.03.2025).

Hammer, Astrid: "Neu eintragen!" Annäherungen an Geschichte, Ordnungen und Logiken der Fotosammlung des Volkskundemuseum Wien. Ein Werkstattbericht. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde N.S. 74/2020, S. 149-172.

Kammerhofer-Aggermann, Ulrike: „eine reiche Auswahl der herrlichsten Volkskostüme und der schönsten Menschentypen“. Etappen der Entstehung unseres gegenwärtigen Begriffs von Tracht. In: Herbert Justnik (Hg.): Gestellt. Fotografie als Werkzeug in der Habsburgmonarchie. Wien 2014 (= Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde 100), S. 57-70.

Tostmann, Gexi: Das Dirndl. Alpenländische Tradition und Mode. 2. Auflage. Wien [u.a.] 1998.

Tschofen, Bernhard: Similar Colours? Bekleidungskultur: Forschung, Sinn und Sache. In: Olaf Bockhorn, Helmut Eberhart Dorothea Jo. Peter (Hg.): Volkskunde in Österreich. Bausteine zu Geschichte, Methoden und Themenfeldern einer Ethnologia Austriaca. Innsbruck 2011, S. 177-211.