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Ansichtskarte, Rathausturm in Krakau, Autotypie, 1899, pos/14579Volkskundemuseum Wien, CC PDM 1.0

„Ich sende Ihnen ein Grüßchen ein mit der Bitte es soll erwidert sein.“

Der Ansichtskartensport um 1900 als Vorläufer der sozialen Medien des 21. Jahrhunderts

 



In unserem aktuellen Blogbeitrag finden Sie eine Auswahl an Ansichtskarten, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgegeben wurden. Der sogenannte Ansichtskartensport – das Sammeln von Stadtansichten – erfreute sich seit dem Aufkommen der Möglichkeit des Verschickens kurzer Nachrichten via Korrespondenzkarte, später Postkarte, großer Beliebtheit und die verschickten Botschaften endeten oft mit den Worten „Mit herzlichem Sammlergruß“, „mit bestem Sportgruß“ oder mit einer „Bitte um Revanche“. Viele dieser Tauschbekanntschaften kamen durch Annoncen in Tageszeitungen zustande, die unter der Rubrik Ansichtskartensport oder Ansichtskarten-Tauschverkehr veröffentlicht wurden.

Der überwiegende Teil unserer Beispiele stammt aus Galizien oder Schlesien. Zu sehen sind neben Sehenswürdigkeiten wie dem Kościuszko-Denkmal in Rzeszów (Inventarnummer pos/14590) und den Tuchhallen in Krakau (pos/14580) auch Industriestandorte wie die Ölfördertürme im ostgalizischen Boryslaw (pos/14611) und das Salzbergwerk in Bochnia (pos/14610).

Ein besonders interessantes Gebäude findet sich auf der Ansichtskarte pos/14588. Das 1897/98 vom Wiener Architekturbüro Fellner & Helmer, berühmt für seine Theaterbauten u. a. in Wien, Budapest, Brünn, Karlsbad, Bratislava und Zagreb, errichtete Gebäude gilt als Lembergs schönstes neobarockes Bauwerk. In dem Gebäude befand sich ein beliebter Treffpunkt der Lemberger Gesellschaft, ein Kasino, das unter den Namen Kasyno Szlacheckie, Nationalkasino, Gutsbesitzerkasino oder wie auf unserem Beispiel Volks-Cassino, bekannt war. Die Fassade zieren eine Arkadenloggia und zwei atlantische Statuen an den Eingangsportalen. Derzeit beherbergt das Gebäude das Haus der Wissenschaftler und ein Restaurant.

Die damalige Popularität des Kartensammelns beschreibt ein Text, der am 18. November 1898 im „Znaimer Tagblatt“ veröffentlicht wurde, sehr gut:

Der Nutzen des Ansichtskartensports. Ohne Frage wird dieser Sport jetzt etwas arg übertrieben, und er ist den nicht sammelnden Menschenkindern schon fasst ein Ärgernis. Man fragt nicht mehr: „Wie geht es Ihnen?“, sondern: „Wie viele Karten haben Sie?“ Auf der Reise kommt nicht mehr die Schönheit der Gegend in Betracht, sondern nur die Ansichtskarte. Wo immer der Zug hält, springt Alles heraus, nicht etwa um sich wie früher an Bier und Wein zu erquicken, sondern um Ansichtskarten zu kaufen, die dann mit nervöser Hast adressiert und aufgegeben werden, damit sie den richtigen Poststempel erhalten. Ausflüge werden nur dorthin gemacht, wo illustrierte Postkarten vorhanden sind; die jungen Damen lächeln Jeden an, von dem sie glauben, dass er Ansichtskarten verschicken könnte. Am meisten geschätzt sind jene Leute, die nach fernen Ländern reisen, auch wenn es Commis voyageurs sind. Wenn sie nur Ansichtskarten schicken! Groß und Klein, Jung und Alt huldigt dem Ansichtskartensport, und die Beförderung der aus Nah und Fern zufliegenden Kärtlein lässt sich schier nicht mehr bewältigen. Kein Wunder daher, dass die Postmanipulantinnen noch verdriesslicher sind als sonst, und dass die Briefträger die Kartensammelsucht verwünschen. Trotzdem wäre es schade, wenn die Mode rasch vorüberginge, denn sie hat einen lehrreichen Zweck. Sie erweitert die geographischen Kenntnisse unserer Jugend, die namentlich bei unseren jungen Damen oft sehr im Argen liegen. Fremde Berge und Seen, ferne Städte und Flüsse werden dem jungen Volke vertraut, namentlich wenn man das Sammeln von Karten nur unter der Bedingung gestattet, dass die Orte, aus welchen sie die Ansichten erhalten, im Lexikon aufgeschlagen werden. Das ist die gute Seite des Ansichtskarten-Sammelsports, und dieser zuliebe sollte man jene Vereine fördern, die den Welttauschverkehr unseren kleinen Sammlern ermöglichen.

Aus heutiger Sicht erscheint der Ansichtskartensport – seine Beliebtheit bei jungen Leuten, das Sammeln von Bildern und Kontakten, die geringen Kosten und einfache Zugänglichkeit, die Klage mancher Eltern über die Sammelsucht Ihrer Kinder – wie ein Vorläufer der sozialen Medien des 21. Jahrhunderts. Er fand eine weitere Entwicklung durch die ab Anfang der 1920er Jahre mit der Funktechnik aufkommenden Kultur des Austausches von QSL-Karten unter Radioamateuren. QSL-Karten sind Empfangsberichte über erfolgreiche Funkverbindungen, wurden im Postkartenformat versendet und konnten auch länderspezifische Abbildungen, Fotografien der eigenen Funkanlage oder persönliche Grüße enthalten.

Für die weitere Lektüre zur Geschichte der Postkarte empfehle ich Ihnen das Buch „Das Medium Postkarte, eine sprachwissenschaftliche und mediengeschichtliche Studie“ der Autorin Anett Holzheid, das 2011 im Berliner Erich Schmidt Verlag erschienen ist.

Die ausgewählten Ansichtskarten aus der Zeit der k. u. k Monarchie finden Sie hier.


Sebastian Much